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Tipp der Woche: 10 Wochen im Rückblick

Rechtschreibfehler oder Schreibvarianten? Oder nur eine stilistische Variante? Wir klären wöchentlich einen Zweifelsfall auf. – Sie haben eine Frage zur Orthografie? Schreiben Sie uns, gern mit Fotobeleg der Auffälligkeit, an info@correctura.com.

33/2019

Touristen und die Verhinderung von Schlimmerem (auf dem Steg)

Betreten des Steg[']s[,] verboten

Über die Funktion eines Verbotsschildes muss in der Regel nicht lange diskutiert werden. Dass allerdings auch die Orthografie zur Abschreckung eingesetzt wird, gehört nicht zum Standardrepertoire eines Ordnungshüters. Der Apostroph springt als Erstes ins Auge (auch weil er typografisch keiner ist), aber es handelt sich mal nicht um einen sogenannten Deppen-Apostroph. Warum nicht? Beim Deppen-Apostroph wird nichts ausgelassen (*Ulli’s Frittenbude), aber beim Genitiv (und Dativ) kann in vielen Fällen ein e stehen oder eben auch weggelassen werden – da ist die deutsche Sprache mal ziemlich liberal: des Stegs/Steges. Es ist nicht korrekter, das e zu realisieren, weshalb es (anders als bei hab’s) keine Reduktion darstellt und deshalb ein »Fehlen« auch nicht angezeigt werden muss.

Jetzt aber zum Komma, das die meisten auch noch entdeckt haben dürften. Auch wenn das Subjekt ein bisschen komplexer ist (Das Betreten von X/Y), wird dahinter trotzdem kein Komma gesetzt, da es keinen Einschub oder Nebensatzattribut gibt (aber: Das Betreten […] der Boote, die durchaus dazu einladen mögen, ist …). Wer sich noch immer nicht an die See sehnt, dem sei versichert: Ein Komma muss auch hinter der (etwas längeren) Phrase

Das Betreten des Anlegestegs im Olgahafen am Dümmer und aller der dort im Sommer liegenden schönen Boote ist …

nicht stehen. Abseits der Orthografie ist da noch ein anderer Umstand merkwürdig: Zuerst werden Worte an die Gäste gerichtet und diese erst dann begrüßt. Das ist sicherlich nicht die Ursache für den überschaubaren Tourismus am Dümmer, aber eine Umstellung wäre dennoch treffender. (Foto: T. Siever

32/2019

Eindeutschungen

Surfbrett mit Aufschrift "Bar dü Mar" und Logo "Zitrön"

Der Wortschatz einer Sprache ist stets bunt gemischt, das Deutsche enthält viele Ausdrücke aus anderen Sprachen. Diese Wörter werden in den Kernwortschatz integriert und dabei oftmals ans Deutsche angepasst. Dies kann beispielsweise die Aussprache betreffen, aber auch die Schreibweise eines Fremdwortes wird häufig an die Orthographie des Deutschen angepasst. So schreiben wir beispielsweise heutzutage nicht mehr ›Bureau‹, sondern ›Büro‹, und ›meuble‹ wurde zu ›Möbel‹. Der Umlaut lässt uns fast denken, es könnte sich um urdeutsche Wörter handeln. Bei manchen Wörtern ist auch heute noch die französische Schreibung neben der eingedeutschten Schreibweise korrekt, so bei ›Portmonee‹ und ›Portemonnaie‹ sowie ›Soße‹ und ›Sauce‹. Der Duden empfiehlt bei ›Portemonnaie‹ die französische Schreibweise, bei ›Soße‹ die ans Deutsche angelehnte mit Eszett. Wir sehen also, dass es ein natürlicher Prozess ist, dass Wörter mit der Zeit in eine Sprache integriert werden. Und darauf basiert die Schreibung des Eigennamens ›Bar dü Mar‹, bei dem analog zu ›Büro‹ Umlautpunkte gesetzt wurden, oder auch der Werbegag (nein, ›Gäg‹ ist noch keine korrekte Schreibung!) eines Autoherstellers, der sich laut Werbespot zur Feier des einhundertjährigen Bestehens statt ›Citroën‹ in Deutschland nun ›Zitrön‹ nennt. Das wirkt auf Sie so absurd wie ›Schofför‹, ›Butike‹, ›Majonäse‹ oder ›Nessessär‹? Ja, Sie sind nicht die einzigen, die lieber weiterhin ›Chauffeur‹, ›Boutique‹, ›Mayonnaise‹ und ›Necessaire‹ schreiben. Diese eingedeutschten Schreibweisen, die bei der Rechtschreibreform eingeführt wurden, stießen auf so wenig Akzeptanz, dass sie vom Rechtschreibrat bzw. von der Dudenredaktion wieder zurückgenommen wurden und somit aktuell nicht mehr korrekt sind.

31/2019

Geschlechter(un)gerechtigkeit

Geschlechtergerechte Sprache? - Weit gefehlt.

Nichts bringt die Geschlechterungerechtigkeit und die verzweifelten Bemühungen, die deutsche Sprache »gendergerecht« zu gestalten, besser auf den Punkt als Stellenanzeigen. Da ist gesetzeskonform von (m/w/d) zu lesen, gesucht wird aber ein(e) Sachbearbeiter/-in (auch gefunden: eine Erzieherin (m/w/d)). Es ist nicht an uns zu sagen, ob und wie man gendern sollte, aber ob man überhaupt nur könnte, das ist etwas, das uns beschäftigt. Unzählige Texte, die wir lektorieren, enthalten »Studierende«, die zeitgleich von »Professoren« betreut werden. Doch selbst wenn das Urteil des EU-Gerichtshofes befolgt würde: Wie könnte man die zu »weiblich« und »männlich« hinzugefügte Kategorie sprachlich (akzeptabel) abbilden? Die deutsche Sprache – so viel steht fest – bietet hier gewisse Schwierigkeiten. Die Schweden haben dafür ein grammatisch neutrales Geschlecht eingeführt, weil sie es konnten (das Neutrum gab es schlichtweg noch nicht), doch im Deutschen gibt es das Es bereits – fatalerweise übrigens auch für weibliche Personen (Mädchen). Wäre ein viertes Genus eine Option – mit dem Umstand, dass ein neues Flexionsparadigma geschaffen werden müsste? Oder sollten wir gar einen einheitlichen Artikel einführen, wie dies die englische Sprache kennt: the man/woman/child? Wie auch immer der Weg beschritten wird: Aktuelle Stellenanzeigen folgen zwar der Rechtsprechung, aber nicht konsequenter Umsetzung (oder gar Logik). Schon hier zeigt sich Unsicherheit: Doppelnennung (Prüferin/Prüfer) vs. Ellipsenschreibung (Sachbearbeiter/in). Wäre zumindest für dieses Problem das Gendersternchen für alle *Sprachbewusst*innen ein Ausweg? Aber viel wichtiger: Wo ist jetzt unser Tipp? Hier kommt er: Wofür immer Sie sich entscheiden: Handeln Sie bitte einheitlich.

30/2019

Wieso eigentlich nicht Hundetage?

Abkühlung an den Hundstagen

An den Hundstagen (23.7.–23.8.) geht man vor die Hunde oder anders ausgedrückt: Die hochsommerliche Zeit und damit das Gegenteil von Hundewetter versetzt uns in eine Faulenzstimmung, die für Hunde ja nicht untypisch ist. Doch wenn es schon Tage wie für Hunde sind, warum heißt es dann nicht analog zu Hundewetter Hundetage, sondern Hundstage? Was sich hier unterscheidet, ist die sogenannte Fuge. Und Fugen sind leider alles andere als trivial zu erlernen/erklären, da sie uneinheitlich realisiert werden: manchmal passen sie zum Plural (Ärztehaus = Haus, in dem viele Ärzte wirken), manchmal aber auch nicht (Treppenstufe = Stufe einer Treppe), heute sind sie vor allem lautlich gesteuert und inhaltlich leer. Bei Hundstage ist zumindest die Eselsbrücke unkompliziert: Den Namen haben die heißesten Tage des Jahres nicht den Tieren zu verdanken, sondern einer Sternengruppe: dem Großen Hund. (In der genannten Zeit steht die Sonne beim Hundsstern im Sternbild.) Nun zur Begründung: Wahrscheinlich unterscheiden sich Hunde- und Hunds- in der Bedeutung: das erste wird für Unwürdiges gebraucht (der Hund als niedere, geprügelte Kreatur), das zweite für etwas Schlechtes. Das passt auch lautlich: Richtig Übles lässt sich mit einer kurzen (einsilbigen) Vorsilbe einfach besser wiedergeben als mit einer längeren: Hundewetter, hundemüde mit e-Fuge (und deshalb zweisilbig) vs. Hundskälte, hundsmiserabel mit s-Fuge. Dass zwei Varianten (Kompositionsstammformen) zur Bildung von Wörtern existieren, ist zum Glück selten (< 10 %). (Foto: sevenpixx)

29/2019

Minutiös = minutenweise?

Minutiöse Genauigkeit

Nein, mit Minuten hat minutiös oder minuziös unmittelbar nichts zu tun. Die alte Schreibung minutiös deutet aber noch an, woher das Wort stammt: aus dem Lateinischen, nämlich von minuere (minutum) ›verkleinern, verringern, vermindern‹. Gemeint ist damit eine ›peinliche Genauigkeit‹ oder gar ›Kleinlichkeit‹, also eine überaus genau genommene Gegebenheit. Die Minute entstand aus der Fügung pars minuta prima, die im Sexagesimalsystem des Ptolemäus (2. Jh. n. Chr.) den ersten »verminderten« Teil (bei einer durch 60 teilbaren Größe) bezeichnete. (Foto: ThePixelman)

28/2019

Rational oder rationell?

4 Fragezeichen in jweils einer Sprechblase in verschiedenen Farben

Was ist eigentlich der Unterschied zwischen den beiden Adjektiven rational und rationell? Rational bedeutet so viel wie ›von der Vernunft ausgehend‹ oder ›vernunftgemäß‹, rationell dahingegen heißt ›wirtschaftlich‹ oder ›zweckmäßig‹. Entsprechend kann es rationale Überlegungen und rationelle Methoden geben. Generell gilt für die Adjektivsuffixe -al und -ell, dass sie konkurrierend nebeneinander existieren. In einer Sprache existieren aber zumeist kaum Doppelformen, die gleichbedeutend sind; häufig wird entweder eine von zwei Varianten aufgegeben oder es kommt zu einer Bedeutungsdifferenzierung, wie auch bei rational und rationell: formal (auf die Form bezogen) – formell (die Umgangsformen beachtend, förmlich), ideal (den höchsten Vorstellungen entsprechend, vollkommen) – ideell (die Idee betreffend) oder real (vorhanden, wirklich) – reell (ehrlich, redlich).

27/2019

Das Wetter heute ...

Das Wetter (von/ist) heute

»Heute« ist ein Adverb. Also kann man es nicht als Attribut vor ein Substantiv stellen (falsch wäre *das heute Wetter, wobei heute Morgen korrekt geschrieben ist) – wohl aber dahinter (das Wetter heute). Ein paar Adverbien lassen sich jedoch mit -ig in Adjektive umwandeln: das heutige Wetter. Beides ist korrekt, stilistisch ist allerdings das Attribut zu bevorzugen. Ohnehin ist die Form Wetter heute auffällig, da heute vorgezogen ist, um den Zeitpunkt des Wetters zu betonen; der syntaktische Normalfall sieht Das Wetter ist heute ... vor. Als Alternative hierzu lässt sich die Phrase Das Wetter von heute verwenden. Wie man es auch verwendet: An der Hitzwelle ändert es nichts. (Foto: Gerd Altmann)

26/2019

Recyceln oder recyclen?

Recycling-Symbol um Erde herum, alles in Grüntönen gehalten

Zu Zeiten des Klimanotstands sollte man der Wiederverwertung von Wertstoffen wie Altpapier, Blechdosen, Altkleidern, PET usw. besondere Aufmerksamkeit widmen. Die Tätigkeit, die dazu erforderlich ist, nennt sich recyceln oder auch recyclen. Beide Schreibungen dieses Infinitivs sind korrekt, wobei die Form »recyclen« an das englische Verb »to recycle« angelehnt ist. Auch für das Partizip II gilt, dass die integrierte Form »recycelt« korrekt ist, aber auch die weniger integrierte Form »recyclet« ist zulässig. Auch die finiten Verbformen können mit beiden Stämmen gebildet werden: »Er recycelt« oder »sie recyclet«, »sie recycelte« oder »er recyclete«. Die Aussprache bleibt unabhängig von der Schreibweise immer gleich.

25/2019

etc. pp.

Fragezeichen in einer Glühbirne

Bei Aufzählungen, die nicht abgeschlossen sind, kann man entweder vor der Aufzählung die Abkürzung »z. B.« verwenden, oder man kann am Ende die Aufzählung mit »u. a.«, »usw.«, »usf.« oder »etc.« markieren, wobei vor diesen Abkürzungen kein Komma steht: »Für die Party muss ich noch einiges einkaufen: Getränke, Chips, Kuchen etc.« Eine weitere Abkürzung, die am Ende steht, ist »et cetera pp.«. Doch wofür steht eigentlich »pp.«? Es ist die Abkürzung von lateinisch »perge, perge«, zu Deutsch: »fahre fort, fahre fort«. Der Ausdruck »et cetera«, der lateinisch wörtlich »und die übrigen (Dinge)“ bedeutet, und im Sinne von »und so weiter« verwendet wird im Deutschen, wird durch das »pp.« folglich verstärkt.

24/2019

Jacht oder Yacht?

Jachthaften bei Sonnenaufgang

»Mein Haus, mein Auto, mein Boot«: ein Klassiker der deutschen Werbegeschichte. Das Boot sollte dabei kein Fischerboot, sondern eher eine Jacht sein. Das Wort Jacht ist im Deutschen seit dem 16. Jahrhundert bezeugt; es handelt sich um eine Kürzung aus dem älteren Jachtschiff, das auf das niederländische jacht in der Bedeutung ›Jagd‹ zurückgeht. Und wer jetzt schon die ganze Zeit gedacht hat, dass man Jacht doch mit Y schreibt, hat nicht ganz unrecht: Das englische yacht wurde ebenfalls aus dem Niederländischen entlehnt, allerdings wurde die Schreibweise angepasst. Über den englischen Einfluss kam sodann auch im Deutschen die Schreibung Yacht auf, die heute neben der vom Duden empfohlenen und an der Etymologie näher orientierten Schreibung Jacht ebenfalls korrekt ist.

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