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Tipp der Woche: 10 Wochen im Rückblick

Rechtschreibfehler oder Schreibvarianten? Oder nur eine stilistische Variante? Wir klären wöchentlich einen Zweifelsfall auf. – Sie haben eine Frage zur Orthografie? Schreiben Sie uns, gern mit Fotobeleg der Auffälligkeit, an info@correctura.com.

KW 47/2021

Alles paletti mit den Paletten?

Europaletten/Transportpaletten in Blautönen/Grüntönen angemaltPaletten gibt es ganz verschiedene: Einmal ist es eine Scheibe, auf der Malerinnen und Maler ihre Farben mischen können, also ein Farbenmischbrett. Im übertragenen Sinn, basierend auf der Farbenvielfalt, spricht man bildungssprachlich, aber auch im Bereich der Werbung von Palette, wenn eine vielfältige Auswahl vorhanden ist, wenn eine Vielfalt angeboten wird. Im Bereich der Technik und der Wirtschaft versteht man unter Palette einen flachen Untersatz für den Transport von Gütern (mit dem Gabelstapler). Das Substantiv Palette wurde im 18. Jahrhundert aus dem französischen palette entlehnt, dies in der Bedeutung ›Malertafel‹. Das französische Wort geht wiederum auf das italienische paletta zurück. Diese beiden Worte basieren auf einer romanischen Verkleinerungsbildung des lateinischen Wortes pala, das ›Spaten‹ oder ›Wurfschaufel‹ bedeutet, also wörtlich ›kleine Schaufel‹. Hat denn Palette auch etwas mit paletti zu tun? Vermutlich nicht, denn woher die umgangssprachliche Wendung »[es ist] alles paletti« in der Bedeutung ›[es ist] alles in Ordnung‹ stammt, ist unklar. Doch die Schreibung ist bei beiden Wörtern gleich, es heißt weder Pallette noch palletti, wie man zuweilen liest. Mit den Paletten ist also alles paletti, wenn nur ein l geschrieben wird. (22. November 2021; Foto: Lars_Nissen)

KW 46/2021

Enthusiastische Atheisten?

Person steht vor einer Wandtafel, auf der mit weisser Kreide Gibt es eigentlich enthusiastische Atheisten? Im etymologischen Sinne vermutlich nicht. Sicherlich ist allen hier im ersten Satz das doppelte th aufgefallen, und hier steckt auch schon die gemeinsame Wurzel der beiden Wörter. Wer diese kennt, wird sich daran erinnern, wie man die Wörter schreibt. Bei Atheist fällt vielen die Herleitung vermutlich nicht schwer: Das griechische theos kennt man sicherlich aus Wörtern wie Theologie, vielleicht auch vom Theodizeeproblem. Das griechische Wort bedeutet ›Gott‹, a- bedeutet un-, also bedeutet a-theos ›ohne Gott‹, ›gottlos‹ oder auch ›Gott leugnend‹. Das Wort Enthusiasmus geht auf griechisch enthousiasmós zurück, in dem éntheos steckt, zu Deutsch ›gottbegeistert‹. Ein enthusiastischer Mensch ist – im heutigen Sinne – leidenschaftlich begeistert, überschwänglich begeistert. Aber natürlich können Atheisten enthusiastische Menschen sein, und wer weiss, vielleicht entfährt ihnen vor lauter Verwunderung auch einmal der Ausruf Oh mein Gott! (15. November 2021; Foto: geralt)

KW 45/2021

Kann man bei Lese|r/-in trennen?

TrennungDass mit den geschlechterkonformen Kurzformen eine grammatikalische Problematik einhergeht, haben wir an verschiedenen Stellen bereits behandelt. Allerdings gibt es durchaus auch eine orthografische, denn wie trennt man Wörter wie Leser*innen oder auch binär Leser/-innen an den kürzenden Stellen – also um das Sternchen und den Schrägstrich herum? Selbst in universitären Texten begegnet uns immer wieder Leser*|-innen oder Leser-|*innen. Dieser Fehler ist mit großer Wahrscheinlich eine Folge der neuen Aufteilung der Wörter durch das Sternchen. Vor allem durch die Pause, die bei der gesprochenen Genderlücke entsteht, wird dem Wort eine neue Silbenstruktur untergeschoben. Die Silbengrenze verläuft tatsächlich aber bei Le|se|rin anstatt bei *Leser|in (dies sind Teile der Wortstruktur). Der Stern macht also auch silbenseitig keine sonderlich gute Figur. Allerdings verhält es sich mit der traditionellen Kurzform nicht anders: Leser/-in weist vermeintlich die gleiche Struktur auf. Auch die sonst so erfolgversprechende Klammerschreibung hilft hier nicht weiter: Kann man wirklich hinter der 2. Silbe trennen? Lese|r/-in mit ignorierter maskuliner Form funktioniert prima, aber das Wort steht nun mal sowohl für die Lese|rin also auch für den *Lese|r und Letzterer dürfte sich beim Lesen ziemlich (falsch) gespalten fühlen. In solchen Fällen wählt man als für eine Trennung am besten die erste Silbe oder die vollständige Paarform, liebe Lese|rinnen und Leser. (08. November 2021; Foto: MasterTux)

KW 44/2021

Wenn der Tod kommt, ist man tot

Grabmal auf einem herbstlichen FriedhofHalloween, der Abend vor Allerheiligen (auf Englisch: All Hallows’ Eve), Allerheiligen und Allerseelen sind Tage, die uns an die eigene Vergänglichkeit erinnern. Während man in der katholischen Kirche am 1. November aller Heiligen gedenkt, ist der 2. November ein Gedenktag für sämtliche Verstorbenen, oft besucht man an diesem Tag die Gräber von Angehörigen. Mit dem Tod haben viele Menschen Mühe, und auch die Unterscheidung von tod- und tot- ist für viele nicht einfach, zumal aufgrund der Auslautverhärtung beim Sprechen auch kein Unterschied zu hören ist. Der Tod, also das Sterben eines Lebewesens, wird mit d geschrieben, und wenn ein Lebewesen nicht mehr lebt, ist es tot, gewissermaßen ein Totwesen. Das war jetzt natürlich nicht todernst gemeint, dieses Kompositum existiert nicht, doch es gibt viele Zusammensetzungen mit tod- und tot-, die oftmals Schwierigkeiten bei der Schreibung bereiten. Komposita, die das Substantiv Tod als Bestimmungswort haben, schreibt man logischerweise mit d: Todsünde, Todfeind, Todkranker, aber auch Adjektive wie todbereit und todgeweiht. Auch wenn tod- zur Verstärkung im Sinne von ›sehr‹ oder ›äußerst‹ verwendet wird, schreibt man ebenfalls mit einem d: todunglücklich, todmüde, todkrank oder todschick. Wenn dahingegen ein Kompositum das adjektivische Erstglied tot- enthält, schreibt man folglich auch mit t. Es können Verben wie sich totarbeiten, sich totlachen, totschießen, totschweigen oder totschlagen gebildet werden oder Substantive wie Totgeburt, Totgeglaubter, Totschlag oder Totpunkt. Und jetzt wissen todsicher alle, die diesen Tipp gelesen haben, wann sie im Kontext des Sterbens tot- oder tod- schreiben sollten. (01. November 2021; Foto: Pexels)

KW 43/2021

Ungeheuer viele Daten: Terabyte oder Terrabyte?

Computer mit binären Daten, im Hintergrund eine GrossstadtIn unserem digitalen Zeitalter haben wir es täglich mit großen Mengen an Daten zu tun. Viele Menschen haben einen Datentarif, man muss schauen, wie viel Speicherplatz auf dem Handy oder PC noch frei ist. All unsere Daten liegen in Form von Bits und Bytes vor, wobei ein Byte eine zusammengehörige Folge von 8 Bits darstellt. Bit ist ein Kreuzwort, das aus englisch binary digit, also binäre Ziffer gebildet wurde. Doch mit Bytes lassen sich heutige Datenfluten nicht mehr sinnvoll angeben, man benötigt nicht nur Kilobytes, sondern meist mehrere Megabytes. Kilo kennt man von anderen Mengeneinheiten, bedeutet ›tausend‹, mega bedeutet ›groß‹. Ein heutiges Betriebssystem braucht heute Gigabytes (109 Bytes, Milliarde) und sammelfreudige Fotofans Terabytes (1012, Billion). Sowohl Giga- als auch Tera- stammen aus dem Griechischen, gígas bedeutet ›Riese‹, téras ›Ungeheuer‹, aber auch ›außergewöhnliches Vorzeichen‹ oder ›(Wunder-)Zeichen‹. Man schreibt also nicht Terrabyte, das Wort hat nichts mit der Erde zu tun. Tera- zeigt bei Maßeinheiten an, dass die Einheit billionenfach vorkommt; es handelt sich einfach um ungeheuer viele Bytes. Während man im alltäglichen Gebrauch mit ein paar Terabytes gut auskommt, werden auf großen Server(farme)n deutlich mehr Daten verarbeitet. Dort werden dann Petabytes, Exabytes, Zettabytes oder Yottabytes benötigt. Bei den Abkürzungen herrscht ein Wirrwarr aus kleinen und großen Präfix-Buchstaben: kB oder KB, aber lediglich MB, dafür ist auch MByte üblich. Noch mehr Unsicherheit gibt es bei der Umrechnung. Einem Kilobyte entsprechen metrisch 1000 Bytes, binär hingegen 1024 Bytes. (25. Oktober 2021; Illustration: geralt)

KW 42/2021

Genus von Abstract

Titel, Abstract und Beginn eines wissenschaftlichen ArtikelsBei wissenschaftlichen Texten findet man im besten Fall eine kurze Inhaltsangabe, die quasi die Essenz der Forschungsarbeit präsentiert, sodass man aufgrund dessen entscheiden kann, ob sich die Lektüre des ganzen Textes lohnen könnte. Der Fachausdruck dafür lautet Abstract. Das Wort stammt vom englischen Verb to abstract in der Bedeutung ›einen Auszug machen‹. Abstract kam erst in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts ins Deutsche und bislang hat sich noch keines der beiden möglichen Genera durchgesetzt: Korrekt ist im Deutschen sowohl das Abstract als auch der Abstract. Tja, und dieser Tipp ist so kurz, dass er kein(en) Abstract benötigt; ein prägnanter Titel genügt. (18. Oktober 2021)

KW 41/2021

Kongruenz bei Firmennamen

Kongruenz bei Firmennamen & CoOb sich bei diesem Text jemand nicht entscheiden konnte oder die Überschrift von einer anderen Person erstellt worden ist, ist nicht erkennbar. Ablesbar ist hingegen, dass die geschlechtergerechte Sprache immer gebräuchlicher wird und dass bei Firmennamen aus gutem Grund Zweifel bestehen, ob Übereinstimmung mit dem Genus (Kongruenz) herrschen muss oder nicht. Schwierig ist es vor allem, wenn die Rechtsform ein anderes Genus und damit Gefühl vermittelt als der Firmenname ohne Rechtsform, also etwa bei Volkswagen (maskulin) und Volkswagen AG (feminin): »Volkswagen verkauft seine Anteile« vs. »Volkswagen verkauft ihre Anteile« (wegen Volkswagen AG). Bei Deutsche Bahn oder Deutsche Bahn AG ist es jedoch gleich, weshalb hier tatsächlich die feminine Form ihre gewählt werden sollte. Keine Kongruenzfrage herrscht bei Wörtern wie Mädchen, bei denen das Genus vom Geschlecht abweicht. Auch wenn jedes Mädchen weiblich ist, muss das Genus kongruieren. Also nicht: »Das Mädchen ist 8, aber sie ist es erst einen Tag«, sondern »Das Mädchen ist 8, aber es ist es erst einen Tag«. Klingt so seltsam wie der Bahn seine Busse, aber ist in diesem Fall die einzig korrekte Form. (11. Oktober 2021; Screenshot: Torsten Siever)

KW 40/2021

Und tschüss! Abschiedsworte im Deutschen

Rückspiegel eines Autos, in dem sich ein Frosch mit Koffer spiegeltWer sich im Deutschen verabschieden möchte, hat verschiedene sprachliche Möglichkeiten, dies zu tun: Während auf Wiedersehen dem Standarddeutschen angehört, gibt es andere Varianten, die weniger standardsprachlich sind. Ade und adieu gelten als veraltend und landschaftlich, die verwandte, aus dem Spanischen stammende Form adios gilt als salopp. Die aus dem Italienischen stammende Variante ciao und eingedeutscht tschau, die im Duden präferierte Schreibvariante, ist dort als umgangssprachlich und als salopp-kameradschaftlich gekennzeichnet; besonders an diesem Abschiedsgruß ist, dass das Wort zugleich auch zur Begrüßung verwendet werden kann. Servus stammt aus dem Lateinischen und bedeutet «(dein) Diener», dieser Abschiedsgruß wird vor allem im Bairischen (und Österreichischen) genutzt. Schließlich kann man zum Abschied umgangssprachlich auch tschüss sagen. Aber Achtung: Während man in Deutschland sowohl zu Menschen, die man duzt, als auch Menschen, die man siezt, tschüss sagen kann, kann die Grußformel in der Schweiz nur für Personen, mit denen man per Du ist, verwendet werden. Etymologisch betrachtet handelt es sich um eine gekürzte Nebenform zum Niederdeutschen adjüs bzw. atschüs, das seit dem Anfang des 20. Jahrhunderts bezeugt ist. Diese Form ist wiederum auf das Spanische adiós zurückzuführen, dieses geht wie auch adieu auf lateinisch ad deum in der Bedeutung ›zu Gott‹ oder ›Gott-befohlen‹ zurück. Schreiben kann man diesen Gruß auf vier verschiedene Varianten, da man den ihn sowohl mit einem s als auch mit Doppel-s sowie groß- oder kleinschreiben kann. So sagen wir also an dieser Stelle tschüs, tschüss, Tschüs und Tschüss und bis bald! (04. Oktober 2021; Foto: Alexas_Fotos)

KW 39/2021

Freigebig oder freigiebig?

Zwei geöffnete Hände mit LichtstrahlenEs gibt Menschen, die sind großzügig im Schenken, sie sind gerne bereit, anderen etwas zu geben. Wie können diese Menschen bezeichnet werden? Da gibt es verschiedene Möglichkeiten: gebefreudig, spendabel, spendierfreudig oder bildungssprachlich auch generös. Außerdem können solche Menschen als freigebig oder freigiebig bezeichnet werden, doch was ist der Unterschied zwischen den beiden Adjektiven? Sprachgeschichtlich betrachtet ist freigebig die korrekte Variante; dieses Kompositum ist seit dem 16. Jahrhundert belegt und enthält das Adjektiv gebig/gäbig im Sinne von ›gerne gebend‹. Freigiebig ist fälschlicherweise analog zu ergiebig, ausgiebig oder nachgiebig gebildet worden. Dies ist deshalb eigentlich nicht richtig, weil zum Adjektiv ergiebig das Verb ergeben existiert, allerdings gibt es kein Verb freigeben in der Bedeutung ›gern/reichlich geben‹. Doch das Wort freigiebig hat sich längst etabliert und ist auch lexikalisiert und entsprechend im Duden zu finden, folglich hat man zwischen freigebig und freigiebig freie Wahl. (27. September 2021; Foto: geralt)

KW 38/2021

Triell

Mittelalterliches TriellWir befinden uns in der letzten Woche vor der Wahl und vermutlich fällt vielen die Entscheidung schwerer als je zuvor. Haben hierzu die Trielle beigetragen oder haben diese eher eine Haltung verfestigt oder gar umgestoßen? Doch lassen Sie uns hier besser für das Wort Triell begeistern. Dieses ist zwar nicht neu, aber erstmals in aller Munde, obwohl es nicht einmal im Duden steht. Grund ist nicht, dass es noch nie drei Kanzlerkandidat(inn)en gegeben hätte, sondern vielmehr, dass diese heuer reelle Chancen auf das Kanzleramt haben. Bislang waren es stets zwei, weshalb es nur Duelle gab. Und dazu ist Triell auch (fälschlicherweise) analog gebildet worden. Lateinisch oder griechisch tri bedeutet ›drei(fach)‹ und ist bekannt von Trimester, Triangel oder Trigonometrie (doch, das hatten wir mal in der Schule). Der volksetymologische ›Fehler‹ besteht darin, dass Duell mitnichten aus duo + -(e)ll zusammengesetzt ist, sondern von lat. duellum ›Krieg‹ (altlat. bellum) rührt. So gesehen behandeln wir diese Woche also keinen möglichen Rechtschreibfehler, sondern einen Bildungsfehler durch falsche (Re-)Analyse. Dieser erfolgte allerdings nicht im Wahljahr 2021, sondern bereits im 16. Jahrhundert, als man sich noch mit Waffen duellierte. Gut, dass das Geschichte ist. (20. September 2021; Foto: Michael Bußmann)

KW 37/2021

More what?

more AbstandGut gemacht: Die Spielbank Hannover hat ihre Automaten auseinandergezogen. Natürlich nicht, um den Umsatz zu reduzieren, sondern die Ansteckungsgefahr. Doch warum bewirbt sie dies mit more Abstand? Warum nicht mit mehr Abstand oder augenzwinkernd mit mehr Freiheit für unsere Automaten oder more …? Ja, was denn eigentlich? Distance? Space? Dies führt uns zur 1. möglichen Ursache: eine sprachliche Unsicherheit der Werbeagentur im Englischen. Größter Spaß ist ja dann wieder sicher übersetzbar. Auch rückübersetzbar von der potenziellen Kundschaft, das ist wichtig. 2. Ursache: ein gewünschter einheitlicher Vokallaut (unser rhetorisches Kompendium spricht hier von Homöoprophoron); dann hätten aber auch Wörter wie massig Abstand und such fun prima gepasst. 3. Ursache: Es gefiel schlicht und einfach. Da wir an solchen Stellen üblicherweise auf Einheitlichkeit hinweisen, empfehlen wir diese natürlich auch hier. Diese käme allerdings auch auf, wenn man jedem Wort seine eigene Sprache gönnt, also etwa more distanza – крупнейший 乐趣. – Naja, vielleicht doch besser einheitlich deutsch. (13. September 2021; Foto: Torsten Siever)

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Noch mehr Tipps?

Sie finden die deutsche Rechtschreibung so spannend? Prima, wir auch. Weitere Tipps der Woche finden Sie im Archiv.