Wissen

Tipp der Woche: 10 Wochen im Rückblick

Rechtschreibfehler oder Schreibvarianten? Oder nur eine stilistische Variante? Wir klären wöchentlich einen Zweifelsfall auf. – Sie haben eine Frage zur Orthografie? Schreiben Sie uns, gern mit Fotobeleg der Auffälligkeit, an info@correctura.com.

KW 3/2021

Vom Burn-out zum Boreout

gelangweilter WolfDie aufmerksame Leserschaft wird von einer falschen Reihenfolge ausgehen, geht doch der Bore-out mitunter dem Burn-out voraus; doch soll es hier nicht um einen möglichen Krankheitsverlauf, sondern um die Schreibung gehen. Und hier werden mitunter als mühevoll empfundene Stützen der Transparenz abgebaut – wie etwa bei Burn-out/Log-in zugunsten von Burnout/Login. Der Duden empfiehlt dennoch Burn-out und orientiert sich damit an der (englischen) Bildungsweise, denn das Wort besteht aus den Bestandteilen (to) burn und out. Allerdings bleibt selbst im Englischen nicht immer die Transparenz enthalten: von (to) back up zu (the) backup. Auch hier empfiehlt der Duden die Schreibung mit Bindestrich, doch dürften sich hier nur wenige Duden-treue Belege finden lassen; im IT-Bereich wird durchweg zusammengeschrieben.
Bei allem Variantenreichtum sei noch erwähnt, dass eine großgeschriebene Partikel unzulässig ist (*Bore-Out). Das Wort ist übrigens kein Fremd- oder Lehnwort, sondern eine Analogiebildung zu Burn-out. Die Schweizer Kreation Bore-out für ›berufliches Ausgelangweilt-Sein‹ ist der WHO allerdings gänzlich unbekannt. (18. Januar 2021; Foto: Hans Braxmeier)

KW 2/2021

Besser remis als verloren

SchachIn der nun endgültig hinter uns liegenden Weihnachtszeit hat der eine oder die andere mit Sicherheit ein Schachbrett unter dem Baum vorgefunden. Bei einem ungleichen Paar endete die Partie vermutlich nicht remis. Das Adjektiv für ein unentschiedenes Spielende ist über das Französische von lateinisch remittere ›zurückschicken‹ entlehnt. Beim Remisieren wird ein Remis erzielt, was verdeutlichen soll, dass das Wort nicht nur adjektivisch, sondern auch substantivisch verwendet werden kann. Die ebenfalls als Weihnachtsgeschenk geeignete (Lok-)Remise ist die feminine Variante (daher mit -e) und bedeutet ›(Lok-)Schuppen‹. Die auch nicht ganz ungeeignete Remittende geht im Übrigen ebenfalls darauf zurück; es bezeichnet ein Druckerzeugnis, das mängelbedingt an den Verlag zurückgesendet worden ist (Remission). Wussten Sie alles schon: Remis! War es Ihnen neu: Schach! ;-) (11. Januar 2021; Foto: André Grunden)

KW 1/2021

Alle Jahre wieder …

EuleMit dem Jahreswechsel geht es alljährlich um das, was man besser machen will – und selbstverständlich besser machen wird. Zu Neujahr werden also alle schlechten Gewohnheiten am *Schlawittchen gepackt. Widersprüche sind nicht zugelassen, außer schreibbezogene natürlich. Denn tatsächlich wird die Wendung häufig mit w geschrieben, weil die meisten ein W ([v]) sprechen und kein [f]. Einzig die Wortgeschichte hilft hier weiter, denn Fittich bedeutet ›Flügel‹. Erhalten geblieben ist das Wort nur noch in Schlafittich/Schlafittchen, das den ›Gewandzipfel, Rockschoß‹ aus Federn bezeichnet, an den man seine Hand anlegen kann. Demzufolge sind die Jackenzipfel wohl aus Flügeln hergestellt worden. Hoffen wir nur, dass sich die Vorsätze nicht mit eben solchen (wie »alle Jahre wieder«) auf und davon machen. (04. Januar 2021; Foto: Danny Moore)

KW 53/2020

Mit Ungepanschtem ins neue Jahr

ChampagnerHerbst und Winter haben auch ihre guten Seiten: Ostfriesentee, endlich mal wieder eine DVD einlegen und warum nicht auch mal ein Glas Wein dazu trinken. Wenn man jedenfalls die Flasche eines Weins öffnet, der nicht gepunscht ist. Oder gepanscht? Richtig, denn mit dem Punsch teilt das Panschen zwar die Aussprache und häufig auch seinen Alkoholgehalt (Bier, Wein), doch ist die Wortart eine andere. Gemeinsamkeiten hat es allerdings mit planschen: Beide Wörter haben lautmalerischen Charakter und das Duden-Herkunftswörterbuch stellt eine Verbindung zum Manschen her. Im einen wie im anderen Fall ist die Übertragung auf das unerwünschte, illegale und oft auch gesundheitsschädliche Mischen von Bier und Wasser oder Wein und Glykol passend, denn beim Zusammenkippen von Gaumenfreude und Streckmittel kommt es mitunter zum Platschen. Für die Annahme, dass Punsch wie panschen (oder pantschen) eine Lautmalerei ist, sprechen die Umstände, dass die Aussprache gleich ist und beim Punsch ebenfalls Flüssigkeiten zusammengeführt werden. Gegen sie spricht allerdings die Bildungsweise: Punsch ist vermutlich eine Fantasiebildung zu Hindi pāñc, das ›fünf‹ bedeutet und auf seine fünf Zutaten referiert: Arrak, Zucker, Zitronensaft, Wasser (oder Tee) und Gewürz. (28. Dezember 2020; Foto: SplitShire)

KW 52/2020

Etwas Kurzgebratenes zum Fest

Kurzgebratenes»Bringst du für Weihnachten etwas Kurzgebratenes mit, Schatz?« So könnte es im einen oder anderen Haushalt zu hören sein, damit mehr Zeit für die Bescherung bleibt. Gemeint sein dürfte in den meisten Fällen allerdings etwas anderes: etwas, das kurz anzubraten und damit schnell fertig ist. Das Kurzgebratene ist bereits gebraten (Partizip Perfekt). Das noch ungare Pendant wird roh transportiert und erst am Zielort befeuert – es müsste also Kurzzubratendes lauten. Oder Kurzzubratenes? Nein, denn es ist zwar kurz zu braten (ohne d), doch wie bei Herzustellendes oder Abzunickendes ist es ein Partizip Präsens: das kurz anzubratende Stück. Wer nicht mit Tofu oder Haferflocken-Bratling überrascht werden möchte, sollte das »Stück« besser präzisieren. Oder ausweichen auf die deutsche Tradition: Würstchen mit Kartoffelsalat (im Osten bis zu 69 % der Haushalte). Frohes Fest! (21. Dezember 2020; Foto: Ji-yeon Yun)

KW 51/2020

Beamte ›gegen‹ Beamtin

Arbeit für die KriminalistikWer den Radio-Tatort »Erster Angriff« von Dirk Laucke gehört hat, könnte nicht nur über die unbekannte (weil fiktive) Kreisstadt Lörben gestolpert sein, sondern auch über eine sprachliche Variante. Einmal ist eine Beamte zu hören (5:18 min), andere Male ist von einer Beamtin die Rede. Da Dubletten bei femininen Personenbezeichnungen ziemlich selten sind (und oft stilistisch different: Friseurin/Friseuse), ist die Frage nach einer möglichen Variante berechtigt. Aufschluss gibt ein Blick auf die Wortbildung: Die Basis bildet natürlich das Amt, davon abgeleitet ist über (jmd.) be-amt-en das Partizip be-amt-et. Die geschlechterneutrale Partizipialform würde heute folglich Beamtete lauten – und so ist es in der Amtssprache auch der Fall (standardsprachlich nur Verbeamtete). Im Frühneuhochdeutschen kam der Bedeutung ›mit einem Amt betraut‹ die Form beam[p]t zu, sodass Beamte die substantivierte Form darstellt (vgl. Betraute). Aus nahhistorischer Sicht ist Beamte folglich geschlechtsneutral, die Form Beamtin also redundant, aber natürlich nicht »verboten«. Damit treffen in Lörben nicht nur Links- und Rechtsextreme aufeinander, sondern auch Gegenwart und Geschichte. (14. Dezember 2020; Foto: stux)

KW 50/2020

Nikolaus und Nickalaus

Babyname: Nikolaus oder NickilausDass der Heilige Nikolaus von Myra nicht mit c und auch nicht Nickolaus geschrieben wird, dürfte allgemein bekannt sein. Allerdings gibt es tatsächlich einen Bereich, in dem man praktisch schreiben kann, wie man mag: bei den Vornamen. Ein heute auf die Welt gekommener Knabe lässt sich also auch Nicolaus schreiben, ein Mädchen Elfi, Delphi oder Nickalaus. Glauben Sie nicht? Im letzten Jahr von den Standesämtern eingetragen wurden Namen, denen man durchaus einen Rechtschreibfehler unterstellen könnte: Hännah oder Hermingway. Auch Interjektionen wie Zack oder Entitäten wie Meer oder Stein wurden eingetragen. Das Problematische daran sind bei Letzteren die konkreten Bedeutungen. Dennoch zugelassen wurden 2020 ebenfalls Excel (Tabellenkalkulation), Greatness, Greis, Influence, Loveit (weibl.), Mausi, Ramadania oder Sauerwein (als Vorname). Nicht beliebig ist aber natürlich die Schreibung bei festgeschriebenen Personennamen. Auf den Autor dieses Textes beispielsweise kann man nur mit Torsten referieren, auch wenn er vor vielen Jahren als Thorsten oder Doschten hätte eingetragen werden können. Wer sich übrigens nicht sicher ist, ob ein Name eintragbar ist (oder eingetragen werden sollte), kann dies etwa bei der Gesellschaft für deutsche Sprache prüfen lassen. Und wer die Begeisterung der Eltern über ihre Namenwahl nicht teilen kann, kann sich als Greis – aber nicht erst als Greis – einen besseren Namen aussuchen. (07. Dezember 2020; Foto: PublicDomainPictures)

KW 49/2020

Relativpronomen: welcher, welche, welches oder der, die, das

Porträt von Albert Einstein auf einem Lastwagen mit Formel der RelativitätstheorieWelcher, welche, welches und der, die, das: Das alles sind Relativpronomen des Deutschen. Doch wann braucht man welche? Relativpronomen leiten Nebensätze ein, die sogenannten Relativsätze. Das Pronomen bezieht sich auf ein übergeordnetes Substantiv oder Pronomen im Hauptsatz: Hier seht ihr das glückliche Mädchen, das heute Geburtstag hat. Oder heißt es doch: ... , welches heute Geburtstag hat? Korrekt ist beides, doch das Pronomen welches wirkt im Vergleich zu das schwerfälliger, weshalb man es aus stilistischen Gründen besser vermeiden sollte. In der gesprochenen Sprache werden welcher, welche und welches ohnehin kaum verwendet. In der geschriebenen Sprache jedoch werden sie dann verwendet, wenn ein Zusammentreffen des Relativpronomens mit dem Artikel vermieden werden soll, d. h. statt Die Frau, die die Geschenke kaufte wählt man Die Frau, welche die Geschenke kaufte. Doch selbst solche Sätze werden oftmals als schwerfällig empfunden, weshalb es viele Menschen gibt, die welcher, welche und welches selbst in solchen Fällen nicht verwenden. (30. November 2020; Foto: pasja1000)

KW 48/2020

(Flash-)Mob(bing)

Meute in BewegungWeil die Gegner der Corona-Auflagen mit ihren Demonstrationen nichts ändern und diese nur unter Auflagen genehmigt werden, organisieren sie sich zunehmend als Flashmobs. Unter dem Hashtag »Schwarze Wahrheiten« erstürmen sie plakativ-populistisch Flächen. Das Wort Flashmob besteht aus den Bestandteilen engl. flash ›Blitz‹ und engl. mob ›Pöbel; Bande; Masse‹ und wird damit für eine aufgewiegelte Meute verwendet. Mob ist allerdings schon seit dem 18. Jahrhundert im Deutschen zuhause und das hinzugekommene Blitzhafte referiert auf die digitale Massenkommunikation, mit der zu kurzfristigen Aufläufen aufgerufen werden kann. Als Verb bedeutet engl. (to) mob ›belagern; über jdm./etw. herfallen‹, und hier zeigt sich, dass Mobbing auf dieselbe Wurzel zurückgeht – und die ist lat. mobilis ›beweglich‹. Während sich Mobbing mit Doppel-Konsonant schreibt, ist (Flash-)Mob mit nur einem korrekt. (23. November 2020; Illustration: Reimund Bertrams)

KW 47/2020

Tau, Reif, Raureif

ReureifStatt Tau sehen wir dank der kälteren Temperaturen zunehmend wieder Reif. Beides sind Auskondensate, die sich hinsichtlich ihres Aggregatszustands unterscheiden: Tau kondensiert oberhalb des Gefrierpunktes aus, Reif unterhalb. Wie rau wird Tau nicht mit h geschrieben (vgl. althochdeutsch tou). Rau hingegen wurde in der alten Rechtschreibung, in der es auch noch das Eszett in muß und Fluß gab, mit einem h geschrieben (vgl. mittelhochdeutsch ru̅ch). Rau ist ein Gegenwort (Antonym) zu glatt und hat eine entsprechende Bedeutung in Raureif. Anders als beim Reif lassen sich die Kristalle erkennen, die Oberfläche ist also ›rauer‹. Der Grund hierfür ist seine Entstehungsweise: Beim Raureif lagern sich unterkühlte Nebeltropfen an festen (und unter null Grad kalten) Oberflächen an – ein Naturschauspiel. correctura wünscht eine schöne Herbstzeit! (16. November 2020; Foto: Myriams-Fotos)

KW 46/2020

Ist Entgelt etwa kein Geld?

PortemonnaieDer Weltspartag Ende Oktober hat auch in diesem Jahr wieder vielen Kindern große Augen und kleine Geschenke eingebracht. Wie Lehrgeld, Bargeld, Trinkgeld oder Wechselgeld schreiben sich diese Gelder allesamt mit einem ⟨d⟩ am Ende. Folglich wäre es konsequent, auch *Entgeld mit diesem Konsonanten zu schreiben, doch leider ist dies falsch. Dabei ist ein Entgelt im Regelfall auch monetär zu entrichten. Eine Eselsbrücke: Anders als an Geld ist an Entgelt die Herkunft noch gut erkennbar – entgelten ›bezahlen; vergelten‹. Dabei geht auch das Wort Geld auf gelten zurück: althochdeutsch gelt ›Zahlung; Lohn; Vergeltung‹, wobei es erst im Mittelhochdeutschen die Bedeutung ›geprägtes Zahlungsmittel‹ erhält. Wenn eine Leistung nicht unentgeltlich ist, stehen für das Entgelt in der Umgangssprache zahlreiche Ausweichmöglichkeiten zur Verfügung (wegen des für Kinder bestehenden Weltspartags ausnahmsweise als Reim):

Asche, Kohle, Kies und Kröten,
Mäuse, Zaster, Moos, Moneten
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Und das waren längst nicht alle: Die gesellschaftliche Relevanz bestimmt wie so oft auch hier die Zahl der Synonyme. Favorisierte, kreative oder regionale Wörter für Geld sind sehr willkommen! (09. November 2020; Foto: Torsten Siever)

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