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Tipp der Woche: 10 Wochen im Rückblick

Rechtschreibfehler oder Schreibvarianten? Oder nur eine stilistische Variante? Wir klären wöchentlich einen Zweifelsfall auf. – Sie haben eine Frage zur Orthografie? Schreiben Sie uns, gern mit Fotobeleg der Auffälligkeit, an info@correctura.com.

KW 39/2020

Kongruenz

Flaschen, die von der Form her einander passend ergänzen»Am letzten Wochenende gab es in Düsseldorf eine große Demonstration, an der sich eine Viertelmillion Menschen beteiligten.« Stimmt gar nicht? Gut bemerkt! Denn das Subjekt im Nebensatz (eine Viertelmillion Menschen) ist nicht mit dem Verb (beteiligten) kongruent. Unter Kongruenz versteht man die formale Übereinstimmung (in Kasus, Numerus, Genus und Person) zusammengehörender Teile im Satz; in diesem Fall ist der Numerus (Singular oder Plural) betroffen. Zwar handelt es sich bei einer Viertelmillion Menschen auf semantischer Ebene um sehr viele Personen. Doch in grammatischer Hinsicht steht das Subjekt im Singular, denn der Kern des Subjekts ist eine Viertelmillion. Dass es sich um Singular handelt, erkennt man einerseits am Zahlwort eine, andererseits daran, dass Viertelmillion nicht die Pluralendung -en trägt. Zur Verwirrung bei der Wahl des Numerus beim Verb trägt bei, dass das Attribut Menschen im Plural steht, doch der Kern des Subjekts ist ausschlaggebend. Entsprechend heißt es auch »Eine große Gruppe unternehmungslustiger Seniorinnen wanderte durch das Maggiatal« und eben nicht wanderten, da der Kern des Subjekts eine große Gruppe im Singular steht – auch wenn die Gruppe groß ist. Der umgekehrte Fall liegt vor bei: »Die USA erheben Importzölle auf deutsche Marmelade.« Das Kurzwort USA steht für United States of America, zu Deutsch Vereinigte Staaten von Amerika. Aus diesem Grund muss das Verb hier im Plural stehen. Inhaltlich hingegen dürfte Inkongruenz vorliegen: Die Mehrheit aller US-Marmeladenfreunde dürfte mit Trumps Strafzöllen wenig kongruent gehen. (21. September 2020; Foto: Alexas_Fotos)

KW 38/2020

Verbindung unerwünscht

Stari Most – das in den Jugoslawienkriegen zerstörte Wahrzeichen in Mostar (Bosnien-Herzegowina)Mit der Bezeichnung Schwarz-Weiß-Seher wird in der Regel nicht auf Zuschauer alter Filme verwiesen, sondern auf Menschen mit einer wenig bis undifferenzierten Sichtweise. Üblicherweise handelt es sich bei mit Bindestrichen verbundenen Adjektiven allerdings um ein Sowohl-als-auch: Die Adjektivkomposita süß-sauer und rot-weiß etwa verweisen bei Speisen darauf, dass sie ebenso süß wie sauer bzw. sowohl rot als auch weiß sind (so bei Pommes frites mit Ketchup und Mayo). Für eine freundschaftlich-entspannte Atmosphäre gilt dies ebenso wie für eine deutsch-schweizerische Familie, deren Mitglieder aus Deutschland und der Schweiz stammen. Doch welche Herkunft hat das Nationalgericht eines zurückliegenden Tipps, die Ćevapčići? ― Die sich hier auftuende Fallgrube geht auf politische Zustände zurück: die postjugoslawische Zeit. Wer zu serbokroatisch greift, kann sich eines Grubensturzes sicher sein, weil damit eine (ehemalige?) Sprachgemeinschaft bezeichnet – und hier unabhängigkeitsstrebend nun eher von Bosnisch, Kroatisch, Serbisch etc. gesprochen – wird, die es politisch seit 1991 nicht mehr gibt. Ein Bindestrich in serbo-kroatisch würde nur optisch die gewünschte Grenze ziehen, denn das auslautende -o könnte als Unterordnung statt Nebenordnung gedeutet werden, weshalb es für die traditionelle Sprachklassifikation neben Serbokroatisch jüngst auch Kroatoserbisch gibt. Damit sollte serbisch-kroatisch der Vorzug gegeben werden; politisch (hyper-)korrekt wäre eine vollständige Aufhebung der Wortverbindung: Ćevapčići sind eine kroatische und serbische Spezialität (alphabetisch). Wer nun politisch inkorrekt spottet: »Kindergarten!«, sollte sich im Deutschen umhorchen. Auch hier gibt es ein (moderates) sprachliches Unabhängigkeitsbestreben: Deutsch werde in Deutschland gesprochen, in Österreich hingegen Österreichisch. Damit fordern Einige, was in Luxemburg mit Luxemburgisch – einem Ausbaudialekt mit eigener Orthografie – bereits fortgeschritten umgesetzt ist. (14. September 2020; Foto: pixelRaw)

KW 37/2020

Fast alle Einwohner*innen korrekt bezeichnet

Plakat der Firma Galaxus am Bahnhof TurgiDer größte Onlinehändler der Schweiz bzw. einer seiner beiden Onlineshops wirbt seit August 2019 mit dem Claim »Fast alles für fast jede*n.« Ende August 2020 nun hat das Unternehmen in einer generativen Printkampagne über 11'000 Plakate aufgehängt, die mit einem Bezug zum jeweiligen Plakatstandort das regionale Einkaufsverhalten aufzeigen. Mittels eines Algorithmus wurden ortspezifische Produktvorlieben der Kundschaft ermittelt und die Plakate daraufhin computergeneriert erstellt. Während manche entsetzt darüber sein dürften, wie gläsern die Schweizer Kundschaft aufgrund solcher möglichen Datenanalysen ist, waren wiederum andere empört, dass zwar lokale Konsumvorlieben, aber nicht lokale sprachliche Eigenheiten berücksichtigt wurden. Während man die Einwohnerschaft Wettingens gendergerecht ganz einfach Wettinger*innen nennt, ist es bei Orten wie Turgi, Uster und Schlieren schon nicht mehr so einfach. Ein Algorithmus kann nicht wissen, dass die korrekten Bezeichnungen hier Turgemer*innen, Ustermer*innen und Schlieremer*innen lauten müssten statt Turgier*innen, Usterer*innen und Schlieremer*innen. Wer also über Einwohner*innen bestimmter Gemeinden, Städte oder Länder schreibt, sollte sich vorher erkundigen, wie diese bezeichnet werden. Wie also nennt man die Einwohner der folgenden Orte? Guatemala, Hannover, Katalonien, Lugano, Madrid, Monaco, Sardinien und Tokio? Wer hätte es gewusst? Guatemalteke, Hannoveraner, Katalane, Luganese oder Luganer, Madrilene, Monegasse, Sardinier (früher auch: Sarde) und Tokioter (aber auch Tokioer ist korrekt). Und wo kommen Sie her und wie nennt man die Menschen aus diesem Ort? Findet man die Bezeichnung bereits im Genderator-Wörterbuch? https://www.genderator.app/wb/index.aspx Wir tragen fehlende Einwohnerbezeichnungen gerne nach! (07. September 2020; Foto: Barbara Sollberger)

KW 36/2020

Über Gebühr

(Über-)Sterblichkeit in Deutschland durch COVID-19Exzesse werden mitunter mit etwas Positivem verbunden, obwohl sie Kopfschmerzen oder Reue erzeugen. Gänzlich negativ konnotiert sind sie allerdings im Fall der Sterblichkeit. Exzess-Mortalität bezeichnet in der Demografie die Sterblichkeitsrate, die über dem zu erwartenden Mittelwert liegt: von lat. ex-cedere ›über ein bestimmtes Maß hinausgehen‹. Spätestens seit Corona ist uns diese als Übersterblichkeit bekannt. Wem die Wortbildung ungewöhnlich bis inkorrekt erscheint, dem geht es nicht anders als dem Autor, doch liegt dies nicht an der Struktur, sondern eher an der nachdenklich machenden Bedeutung; ein Blick auf ähnlich gebildete Wörter zeigt, dass man so verfahren kann (alle Beispiele haben übrigens leider etwas mit Übersterblichkeit zu tun): Übergewicht, Überängstlichkeit, Überbeanspruchung. Nur selten wird von Untersterblichkeit gesprochen (die es natürlich ebenso gibt), eher noch von Unsterblichkeit. Letztere gibt es allerdings leider nicht außerhalb der Heldenwelt, die bekanntlich nur in der Jugend, in größter Entfernung zur Sterblichkeit also, nicht als Fiktion einsortiert wird. Auf den letzten Metern schaffen wir es noch zu einem Tipp: Statt exzessiv/übertrieben lässt sich auch über die/alle Maßen (›über-/unmäßig‹) oder über Gebühr (›mehr als einem zusteht‹) verwenden – Letzteres immer ohne Artikel oder adjektivisch als ungebührlich. (31. August 2020; Screenshot: Statistisches Bundesamt)

KW 35/2020

Wenn die Gästin der Grünin vom Koryphäer erzählt

Gebrüder Jacob und Wilhelm GrimmEin heißes Eisen, das wir hier anfassen, aber wir schmieden es wie immer sachlich. Bei einem solchen Einstieg kann es sprachbezogen ja nur um Fremdwörter oder das Gendern gehen – und tatsächlich: um Letzteres. Natürlich muss sich ein geschlechtergerechter Sprachgebrauch erst einmal finden – abzulesen an Baerbocks Steuer*innenzahler. Fahrerin, Steuerzahlerin, prima. Doch muss man wirklich Gästin bilden? Gast hat doch kein -er am Ende. Zweifelsohne sind hier ebenso Zweifel berechtigt wie bei Herrin, Menschin, frau (zu man) und einigen mehr. Gästin etwa, so ist mancherorts zu lesen, sei schließlich schon im Grimm’schen Wörterbuch (*1854) aufgeführt – was nicht weiter verwunderlich ist, da die Brüder ehrgeizigst jedes Wort aufzunehmen beabsichtigten, das sie nur irgendwo belegt fanden (s. u.). Ebenso fraglich ist die Bauherrin, da inkonsistent insofern, als das enthaltende Herr eindeutig auf einen Mann referiert. Sinnvoll ist es auch hier, Alternativen zu prüfen; so könnte das im südlichen Sprachraum weit verbreitete Bauherrschaft als Lösung in Betracht gezogen werden. Ob auch Baufrau ein passendes Gegenstück sein könnte, möge man (und eher nicht frau, sondern jede(r)) selbst entscheiden. Tatsächlich ist man von Mann abgeleitet, doch ist die Sprachgeschichte nicht immer eine gute Beraterin, da wir dann auch Menschin bilden müssten und mit »Du bist toll!« eine Ohrfeige ernten würden (ahd. tol ›dumm, töricht‹). Wer Gast und Mensch gendert, müsste eigentlich auch Feminina wie Zicke oder Koryphäe gendern (der Zickerich, Koryphäer?; vgl. Hexer). Belegt sind auch Kälbinnnen, Deutschin und Grüninnen (wortschatz.uni-leipzig.de): Das Neutrum von Kalb bedarf keiner weiteren Erläuterung und substantivierte Adjektive müssen natürlich nicht gegendert werden: der/die Grüne, das sind die guten Alternativformen geschlechtergerechten Sprachgebrauchs. Aber die Linke-Ratsfraktion in Flensburg beantragte 2016 sogar die Einführung von Papierkörbinnen und Computerinnen im Rathaus, zog den Antrag aber wieder zurück – das war im wahrsten Sinne Politik. Sicher ist: Gendergerechter Sprachgebrauch erfordert zuweilen Zeit und Kreativität. Im Gender-Wörterbuch auf www.genderator.app finden sich viele Vorschläge für gendergerechte Formen sowie alternative Formulierungen, die eine Hilfestellung beim Gendern bieten. (24. August 2020; Illustration: Gordon Johnson)

KW 34/2020

Gendersternchen im Duden-Verlag

Dudenredaktion als »Herausgeber*in«Die 28. Auflage des Rechtschreib-Dudens ist da. Ebenfalls die Absage der Gesellschaft für deutsche Sprache an das Gendersternchen. Verbunden werden die beiden – nicht für alle – freudigen Ereignisse durch die Dudenredaktion, die im Shop mit Sternchen als Herausgeber*in geführt wird. Anlass zu einem Tipp gibt, dass der besagte Band sich im Untertitel als »umfassende[s] Standardwerk auf der Grundlage der aktuellen amtlichen Regeln« versteht – doch der Genderstern ist durch die amtlichen Regeln keineswegs gedeckt, sondern neben Unterstrich, Doppelpunkt und anderen Symbolen, die die Zeichensätze so hergeben, nicht zugelassen. Sicherlich hätte der Verlag Herausgeber/-in schreiben können. Warum aber nicht gleich zu dem greifen, was wirklich zutrifft: die Redaktion(die) Herausgeberin? Der Autor bezeichnet sich auch nicht als Autor/-in und Sie gewiss nicht als Mensch/-in. Natürlich ist uns bewusst, dass dies auch technischen Anforderungen geschuldet ist, denn jeder herausgebenden oder schreibenden Person müsste schließlich ein Geschlecht (Sexus) oder zumindest ein Genus zugewiesen werden. Für ein solches Ausweichen hat man ergo durchaus Verständnis, doch ist es ja so, dass viele Menschen große Anstrengungen auf sich nehmen, um geschlechtergerecht oder gar geschlechterneutral zu schreiben. So wäre es auch möglich und schön, Verknüpfungen über Phrasen wie mehr Bücher von dieser Herausgeberin und weitere Titel von diesem Autor zu realisieren. Und es hätte durchaus etwas im Regelkonformen und ohne Aufwand gegeben: mehr von diesem Herausgeberteam. – Ach ja: Wenn Sie oben über Mensch/-in gestolpert sind, taten Sie dies zu Recht. Mit solchen auffälligen und fraglichen Formen beschäftigen wir uns im Tipp der nächsten Woche. Wer sich bis dahin mit gendergerechten Formen und Formulierungen befassen möchte, findet im Genderwörterbuch auf www.genderator.app einige Anregungen. (17. August 2020; Screenshot: Torsten Siever)

KW 33/2020

Hauptsache erfrischend: Köpper/Köpfer/Köpfler

Köpper, Kopfler oder Köpfer – in jedem Fall erfrischendBei den aktuellen Temperaturen stellen wir alles zurück, was nichts mit gekühlten Getränken, Eis, See-, Pool- und Meerwasser zu tun hat. Der Pool soll hier allerdings nicht im Zentrum stehen, wobei wir ihn gleich mitbehandeln können, wo er sich doch nun schon in unserem Kopf festgesetzt hat. Wie allseits bekannt sein dürfte, handelt es sich bei Pool um ein Kurzwort zu Swimmingpool, das von engl. swimming pool entlehnt wurde (engl. pool ›Teich‹). (Kein Orthografie-Tipp: Sollten Sie spontan an die Anschaffung eines größeren Schwimmbeckens gedacht haben, reservieren Sie sich am besten ein etwaiges Restexemplar im Baumarkt – Klimawandel und Coronavirus haben für größere Engpässe gesorgt.) Doch zurück zum eigentlichen Ansinnen: In einem größeren Pool lässt sich mit dem Kopf zuvorderst das kühle Nass erfahren mit einem Köpper oder Köpf(l)er. Die umgangssprachlichen Begriffe dürften vor allem in sozialen Medien mit triumphierenden Belegfotos zu lesen sein. Zugrunde liegt der Kopf(sprung) und hiervon reduziert die erste Silbe oder regional-umgangssprachlich Kopp. Auch im Fußball sind übrigens Köpfer und Köpfler (luxemb. Käpper) in der Bedeutung ›Kopfball‹ üblich. Belassen wir es bei über 30 Grad aber lieber beim Gedanken an den Kopfsprung als an den Rasensport. Gute Erfrischung! (10. August 2020; Foto: Hans Braxmeier)

KW 32/2020

Ernsthaft Tschewaptschitschi?

Ćevapčići oder Cevapcici, aber nie alleinMöchte man die serbisch-kroatische Delikatesse am Tresen bestellen oder jemandem eine Eigenherstellung anbieten, ist man fein raus. Beim Aufschreiben eines Rezeptes hingegen beginnt das Problem schon mit dem ersten Buchstaben. Wer sich auf die Regel »Schreibe, wie man spricht« verlässt, kann sich zwar auf das Duden-Fremdwörterbuch, 4. Auflage 2007, beziehen und tatsächlich Tschewaptschitschi schreiben. Doch ist dies nicht ganz unproblematisch, da man im Wörterverzeichnis des Rats für deutsche Rechtschreibung nur unter C fündig wird. Auch im offiziellen Regelwerk ist bei Fremdwörtern für [tʃ] kein ⟨tsch⟩ aufgeführt. Anders als das früher einmal zulässige *Majonäse hat es Tschewaptschitschi also womöglich niemals offiziell gegeben. Ergo bleibt nur noch Cevapcici, so man auf die Aussprachekennzeichnung (Diakritika) verzichtet. Will man diese erhalten, muss man auf ein paar Sonderzeichen zurückgreifen, um Ćevapčići zu realisieren – und zeigt sich dafür als chef de cuisine und chef de l’orthographe in einem. Wenn Sie sich übrigens fragen, a) ob das Cevapcici ein Pluralwort ist und b) wie denn ein einzelnes Röllchen heißt, haben Sie a) recht und b) die falsche Einstellung; die Röllchen sind so klein und schmackhaft, dass die singuläre Form einer einsamen Minirolle ganz und gar nicht vorstellbar ist. Zudem handelt es sich hierbei schon um die Verkleinerungsform (Diminutiv) von Ćevapi – das übrigens nicht nur klanglich zur Kebab-Familie gehört, vgl. bulgarisch кебапче (Kebabtsche). (03. August 2020; Foto: RitaE)

KW 31/2020

Hiatus, der (metamorphosierte)

Sprecher-PauseEinen Hiatus kann man nicht essen, nicht riechen und auch nicht fühlen, wohl aber hören. Zumindest in der Musik, denn ein Hiatus entspricht hier einer »übermäßigen« Sekunde, also etwa von C auf Dis. Auch in der Sprachwissenschaft gibt es den Hiat(us), den man hören und auch wieder nicht hören kann, denn er entsteht üblicherweise beim Zusammentreffen zweier Vokale oder Konsonanten, die die Aussprache erschweren (Ko-ordinate): eine Pause also. In vielen Fällen wird deshalb der Hiat zu umgehen versucht, im Französischen etwa bei *la amie durch lamie, bei *le amis durch les amis. Im Deutschen führen nun einige (etwa Moderatorinnen und Moderatoren) einen Hiat bewusst ein, um eine Grenze zu markieren – und zwar die der Geschlechter. Da man für Freund*innen weder Freundinnen schreiben noch [frɔɪ̯ndɪnɛn] sprechen kann, weil dies (männliche) Freunde ausgrenzen würde, markiert man zunehmend den schriftlichen Stern beim Sprechen mit einer Pause (Freund-innen). Das ist eine beeindruckende Anstrengung entgegen jedem Ökonomiebestreben, allerdings ökonomischer als Freundinnen und Freunde zu äußern. Natürlich gibt es wie immer einen Haken: Der Genderstern wird meist von Screenreadern nicht als Hiat gelesen, sondern als Freund-Sternchen-in oder Freund-Asterisk-in und teilweise sogar ignoriert, sodass man nur die weibliche Form hört (Freundin). Um Barrierefreiheit von Texten gewährleisten zu können, sind deshalb einige auf den Gender-Doppelpunkt umgestiegen: Freund:in. Noch hat der Rat für deutsche Rechtschreibung aber ohnehin keine Freigabe erteilt, womit * und Lautung (noch?) auf tönenden, wollte sagen: tönernen Füßen steht. (27. Juli 2020; Foto: Roché Oosthuizen)

KW 30/2020

Zwischen Bitten und Befehlen

Appell zum Maskentragen und AbstandhaltenVon einem Appel (niederdeutsch für Apfel) und Apple (Technologiekonzern) unterscheidet sich ein Appell erheblich: schon durch die Betonung der zweiten Silbe. Daraus könnte man schließen, dass das Wort mit nur einem p auszustatten ist. Doch wie so oft hilft ein Blick auf die Herkunft: Das Substantiv ist abgeleitet vom Verb appellieren, das mit noch kürzerem a ausgesprochen wird und auf lat. appellare ›um Hilfe anrufen‹ zurückgeht. Appelle bewegen sich zwischen Bitte, Aufforderung und Befehl. In der Regel appelliert eine Person an eine andere, etwas zu tun oder nicht zu tun. Die Bundesregierung appelliert zurzeit an die gesamte Gesellschaft, sowohl etwas zu tun (Maske tragen, Abstand einhalten) als auch zu unterlassen (singen, tanzen, demonstrieren), die WHO sogar an die ganze Welt. Appelle dieser Art sind ungern gesehen und führen mitunter zu Polizeieinsätzen – dann handelt es sich nicht mehr um Bitten. Befehlende Appelle finden sich durchgängig beim Militär, hier etwa in Form einer ›Versammlung von Soldaten‹. Appelle gibt es zudem auf der Jagd oder als Tanzfigur, aber interessant ist vor allem der Weg, den das lateinische Wort über das Französische ins Englische genommen hat. Hier hat frz. appel[er] in Form von appeal auch die Bedeutung ›jmdm. zusagen‹, also die »Bitte« um Attraktivität, die man nicht ausschlagen kann. Im Deutschen als Sexappeal entlehnt, hat das Wort heute jedoch stark an Attraktivität verloren. (20. Juli 2020; Illustration: cromaconceptovisual)

KW 29/2020

Den ham wa uns verdient …

Strand auf einer Karibik-Insel mit HängekorbGrooveminister haben 1995 mit einer sehr ähnlichen Zeile ihres Refrains viel Zustimmung und Geld verdient. Verdienen kann man also nicht nur eine Entschädigung für geleistete Arbeit, sondern auch Reaktionen oder Beurteilungen wie Respekt oder Dank. In seinem Text hat sich das Rapminister-Duo infolge seiner Arbeit verdient, endlich Feierabend zu machen. Und wir? »Ham wa [ebenfalls] genug gemacht«? Und haben wir uns nicht ein wenig mehr verdient? Na klar, denn die Urlaubszeit legt nahe, dass man vorher längere Zeit durchgearbeitet hat und nun endlich in den wohl verdienten Urlaub gehen kann. Auf diese Weise sollten Sie Ihren freundlichen Mitmenschen allerdings keine Urlaubswünsche übermitteln. Denn während ein wohlverdienter Urlaub ein ohne Zweifel zu Recht erworbener ist, wird mit wohl verdienter Urlaub ein mutmaßlich gerechtfertigter bezeichnet, an dessen Zubilligung der eine Kollege oder die andere Kollegin womöglich Zweifel hegt. Die Getrenntschreibung wäre also zwar kein orthografischer Fehler, vielleicht aber ein strategischer durch den Ausdruck sozialer Missbilligung. Aber auch die muss man sich manchmal erst verdienen. (13. Juli 2020; Foto: pasja1000)

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