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Tipp der Woche: 10 Wochen im Rückblick

Rechtschreibfehler oder Schreibvarianten? Oder nur eine stilistische Variante? Wir klären wöchentlich einen Zweifelsfall auf. – Sie haben eine Frage zur Orthografie? Schreiben Sie uns, gern mit Fotobeleg der Auffälligkeit, an info@correctura.com.

KW 16/2021

Pfusch am Werk

Kermit – oh-ohMit dem Frühling setzt auch wieder die Bautätigkeit ein und stereotypisch fällt da doch gleich das Idiom Pfusch am Bau auf die Zunge. Wie Murks im letzten Tipp kann Pfusch aber nicht nur auf das Arbeiten bezogen sein, sondern auch auf ein hergestelltes Produkt. Das zugrundeliegende Verb pfuschen geht wahrscheinlich auf die Interjektion futsch! zurück, die lautlich vermutlich ein Abbrennen oder Zerreißen nachahmt. Trotz seiner Herkunft sind die Schreibweisen verfuschen oder Fusch inkorrekt. Auf Basis des Verbs sind viele schöne Wörter entstanden: Der Pfuscher ist laut Duden die älteste Bildung (aus dem 16. Jh.) und sorgt durch seine Pfuscherei für Pfusch, das erst im 20. Jahrhundert aufgekommen ist. Bei allem Pfusch ist hoffentlich nicht der ganze Tipp verpfuscht – und falls doch (gemäß Foto): Schauen Sie heute mal nicht so genau hin, sagen Sie nur nicht »So’n Pfusch!«, sonst hören wir heute einfach mal nicht hin. ;-) (19. April 2021; Foto: Alexas_Fotos)

KW 15/2021

Alles, nur kein Murks

Pirat mit Messer (abmurksen)Mit Sicherheit stellte sich nicht erst im 19. Jahrhundert der Wunsch ein, eine schlecht ausgeführte Arbeit oder ein unzureichendes Produkt mit einer auffälligen Lautfolge zu bezeichnen. Das konkrete Wort Murks ist aber erst seither belegt. Wie im Fall der Geschwister Pfusch(erei), Hudelei und Gestümper handelt es sich um einen umgangssprachlichen Ausdruck, der allein aber auf das Verb murksen zurückgeht, das ›ungeschickt oder unordentlich arbeiten‹ bedeutet. Es entwickelte sich wohl aus neuhochdt. Murk ›Brocken; Krümel; Knirps‹ bzw. murken, was für ›zerdrücken, zerknittern, zerbrechen‹ gebraucht wurde. Diese Bedeutung geht schon in Richtung von niederdt. murk(s)en, das wir ebenfalls umgangssprachlich für ›töten‹ gebrauchen – dann jedoch meist mit Präfix: abmurksen. Mit Pfusch (als Wort) und seiner Bildungsfamilie beschäftigt sich der Tipp der nächsten Woche. (12. April 2021; Foto: Felix Lichtenfeld)

KW 14/2021

Osteria

TaverneNein, Ostern hat natürlich nichts mit dem Ausdruck Osteria zu tun, aber passend ist es dennoch, sich dieses Wortes zu Ostern anzunehmen. Denn mit dem Osterfest kommt das Fastenbrechen und mit diesem bekanntlich das Ende von 40 Tagen Entbehrung, die weder mit Beere noch mit Bär in Verbindung steht (von althochdt. inberan über mittelhochdt. enbern ›nicht tragen‹). Eine Osteria (von ital. oster ›Wirt‹) ist eine kleine Wirtschaft, in der vor allem Wein und kleine Speisen gereicht werden. Anders als im Ristorante steht nicht das Speisen, sondern – neben dem Wein – das Gesellige im Vordergrund. Daneben gibt es noch die Trattoria als kleine, familiäre Speisestätte mit kleiner Karte sowie die eher kleinen Pizzerien mit entsprechender Karte. Alle Gasthäuser haben ihre Betonung auf i und ihr Plural lässt sich (im Deutschen) mit -s oder -en ausdrücken. (05. April 2021; Foto: Valter Cirillo)

KW 13/2021

Rat rügt Hochschulen

Rat für deutsche Rechtschreibung (Logo)Der Rat für deutsche Rechtschreibung bekräftigt in seiner Sitzung und Pressemitteilung vom 26.03.2021 die Auffassung, dass allen Menschen mit geschlechtergerechter Sprache begegnet werden soll und sie sensibel angesprochen werden sollen. Dies sei allerdings eine gesellschaftliche und gesellschaftspolitische Aufgabe, die nicht allein mit orthografischen Regeln und Änderungen der Rechtschreibung gelöst werden könne. Vor diesem Hintergrund würde die Aufnahme von Asterisk (»Gender-Stern«), Unterstrich (»Gender-Gap«), Doppelpunkt oder anderen verkürzten Formen zur Kennzeichnung mehrgeschlechtlicher Bezeichnungen im Wortinnern in das Amtliche Regelwerk der deutschen Rechtschreibung zu diesem Zeitpunkt nicht empfohlen. Begründet wird dies mit einer Kriterienliste, zu der etwa auch gehört, dass geschlechtergerechte Schreibung nicht das Erlernen der geschriebenen deutschen Sprache erschweren darf (Lernbarkeit). Rücksicht zu nehmen sei auch auf die mehr als 12 Prozent aller Erwachsenen mit geringer Literalität, die nicht in der Lage seien, auch nur einfache Texte zu lesen und zu schreiben.
Damit hat der Rat dem Vorstoß vor allem von Kommunen und Hochschulen eine Absage erteilt und deutlich gemacht, dass dies nicht dem Amtlichen Regelwerk entspricht. Eine eindeutige Rüge erteilte er den Hochschulen, die den Studierenden vorschreiben, vor allem den Gender-Stern zu verwenden: »Hochschulen und Lehrende haben die Freiheit des Studiums nicht nur bei der Wahl von Lehrveranstaltungen, sondern auch bei der Erarbeitung und Äußerung wissenschaftlicher Meinungen der Studierenden zu beachten und zu schützen.« (29. März 2021; Bild: Rat für deutsche Rechtschreibung)

KW 12/2021

Händeln oder handeln, händelbar oder handelbar?

Das umgangssprachliche Verb Handeln kann man mit Wertpapieren, man kann jedoch auch Probleme und Angelegenheiten handeln. Handelbar bedeutet also, dass Wertpapiere im Handel erhältlich sind. Doch es wird seit einiger Zeit auch in einer weiteren Bedeutung gebraucht: Wenn etwas handelbar ist, ist es so beschaffen, dass es sich gut handeln lässt. Handeln stammt in diesem Fall vom englischen to handle ab, zu Deutsch bedeutet dies ›bewältigen‹, ›handhaben‹ oder ›gebrauchen‹. Im Duden findet man den umgangssprachlichen Anglizismus unter »handeln« bzw. »händeln«, zumal die Lautung wie in der englischen Aussprache der Variante mit Umlaut entspricht. »Handelbar« oder »händelbar« im Sinne von »handhabbar« oder »bewältigbar« sucht man allerdings im Duden noch vergeblich, obwohl sich in der Sprache diverse Belege dafür finden lassen. (22. März 2021; Screenshot: Duden)

KW 11/2021

Lerche oder Lärche?

Lerche versus Lärche, Vogel und BaumLerche und Lärche sind Homofone, also Wörter, die gleich ausgesprochen werden, aber etwas anderes bedeuten. Es sind jedoch keine Homografen, d. h. die Schreibung unterscheidet sich. Doch wie kann man sich nun merken, welches Wort einen Vogel und welches einen Baum bezeichnet? Die Lärche ist ein Nadelbaum, über das a kann man sich also das ä merken. Die Lerche dahingegen bezeichnet einen Vogel, zudem bezeichnet man umgangssprachlich damit auch Frühaufsteher, die also frühmorgens ihr Bett verlassen. Wer es sich trotzdem nicht merken kann: Für das Spiel Teekesselchen kann man das Wortpaar dennoch prima verwenden! (15. März 2021; Foto: TheOtherKev und Kranich17)

KW 10/2021

Bleiben Sie gesund!

Porträt von Mona Lisa mit MaskeBleiben Sie gesund! ist zu einer bekannten Corona-Floskel geworden, man hört und liest diesen Imperativ tagtäglich. Doch was ist das für eine Grußformel? Ein nett gemeinter Wunsch im Sinne von Passen Sie gut auf sich auf!, oder wie man im Englischen sagt: Take care!? Rein sprachlich drückt der Imperativ einen Befehl oder auf jeden Fall eine Erwartung aus, der Ausdruck kann als Aufforderung und Ermahnung verstanden werden, etwa im Sinne von Halten Sie Abstand! Die Formel erinnert auch stark an die vor allem 2020 viel genutzte Floskel Bleiben Sie zu Hause! (oder aber hipper auf Englisch: Stay [at] home!), es wird also an die moralische Verpflichtung appelliert. Doch was ist mit Menschen, die zum Beispiel chronisch krank sind und weder gesund bleiben noch gesund werden können? Stigmatisiert man mit der Formel nicht auch Menschen, die trotz aller Vorsicht an COVID-19 erkranken? Wir sehen, rein von der Orthografie her ist hier nichts strittig, abgesehen davon vielleicht, dass das Pronomen der Höflichkeit gelegentlich fälschlicherweise kleingeschrieben wird. Vielmehr stellt sich die Frage nach dem semantischen Gehalt und dem Stil. Seien Sie also sprachkritisch und überlegen Sie es sich gut, ob Sie ihren Wunsch des Gesundbleibens nicht anders und individueller ausdrücken möchten, statt auf die Floskel zurückzugreifen. (08. März 2021; Illustration: sumanley)

KW 9/2021

Eine Waise

Trauriges Kind - Schwarz-Weiß-PorträtEine Waise ist – neben der reimlosen Zeile innerhalb einer gereimten Strophe – ein minderjähriges Kind, das entweder einen Elternteil (Halbwaise) oder beide Eltern (Vollwaise) verloren hat. Das Wort ist auf das deutsche und niederländische Sprachgebiet beschränkt, im Niederländischen wees genannt. Auch im Mittelhochdeutschen (weise) und Althochdeutschen (weiso) wird das Wort mit e geschrieben. Das Wort ist verwandt mit dem mittelhochdeutschen entwisen ›verlassen von, leer von‹, davon abgeleitet wurde das Verb verwaisen ›die Eltern durch Tod verlieren‹. Doch nicht nur die Schreibung unterscheidet das niederländische Wort vom Deutschen: Während de wees dem grammatischen Genus Maskulinum angehört, wird das Substantiv im Deutschen heute nur noch als Femininum gebraucht. Entsprechend ist ein Junge, der seine Eltern verloren hat, eine Waise, oder aber eben: ein Waisenkind. (01. März 2021; Foto: PublicDomainPictures)

KW 8/2021

Lieber Rat für deutsche Rechtschreibung,

Zielgruppen im (Schreib-)Wandelwenn Traditionsverlage wie De Gruyter Formen wie Linguist/-innen auf ihre Seite stellen, müssen wir dies aufgreifen. Natürlich soll es in diesem Tipp nicht dabei bleiben, nur die korrekte Form zu nennen, und schon gar nicht darum gehen, mit dem Zeigefinger auf eine Kommunikationsabteilung zu zeigen. Lässt sich doch mit diesem Beispiel die Frage aufwerfen, ob die ungrammatische Form Linguist*innen nun auf die bis dato richtige Schrägstrichschreibung einwirkt. Korrekt müsste es nämlich heißen: Linguisten/Linguistinnen oder als Kurzform Linguist(inn)en. Damit bleibt das Plural-Flexiv -en bei der maskulinen Form (und damit explizit auch der Linguist) erhalten.
Viel interessanter ist allerdings, dass die Website das Chaos abbildet, in das wir uns mit der (Sozial-)Geschlechterfindung begeben haben. Die engagierte Suche nach der »besseren« Form führt dazu, dass LinguistInnen auf derselben Seite steht wie Expert_innen, dass Germanisten unmittelbar neben Leserinnen und Leser gastiert und Helden links von Medienwissenschaftler/-innen posiert. Wer kann schon aktuell sagen, ob es sich bei Helden um ein letztes Aufbäumen des generischen Maskulinums handelt, ob nur männliche Helden behandelt werden oder Trans-Helden »mitgemeint« sind? Sagen kann man aber schon, dass innerhalb eines Unternehmens oder zumindest einer Website Einheitlichkeit herrschen sollte. Ach ja, die Adressierung in der Überschrift ist natürlich fiktiv, doch reift zunehmend der Wunsch nach einer Art Machtwort vom Rat – in welcher Richtung auch immer. (22. Februar 2021; Screenshot: correctura (Torsten Siever, De Gruyter))

KW 7/2021

Schneereich

schneereichIn dem bekannten Bestseller »Fräulein Smillas Gespür für Schnee« von Peter Høeg kann die in Grönland aufgewachsene Smilla Jaspersen einen mysteriösen Todesfall aufklären – unter anderem, weil sie Spuren im Schnee lesen kann. Als Tochter einer Inuk kennt sie viele Formen für Schnee, denen im hohen Norden Namen zustehen. Auch wenn die vergangene Woche äußerst schneereich gewesen ist, gibt es hierzulande nur zwei nennenswerte Differenzierungen: Nassschnee (auch Pappschnee) und Pulverschnee. Allerdings unterscheiden wir noch Firnschnee (›mind. 1 Jahr alter Schnee‹) von Neuschnee, auch wenn dieser mitunter nur Kunstschnee ist. Die Meteorologie kennt noch die Niederschlagsformen Schneegriesel und Schneeregen sowie bei der horizontalen Schneebewegung Schneetreiben und Schneesturm – womit wir bei Schneewehen und den verwandten Schneewechten wären. Letztere bezeichnen Schneeüberhänge an Geländekanten und schreiben sich heute nicht mehr mit ⟨ä⟩, da die Wechte vom Verb wehen abgeleitet ist. Auch wenn allen bisherigen Schnee-Bestandteilen kein weiterer Vokal folgte, gibt es solche Wörter: Schneeeule etwa, das sich zur besseren Lesbarkeit auch mit Bindestrich schreiben lässt: Schnee-Eule. Bei Eisschnee dürfte es sich übrigens üblicherweise um eine Fehlschreibung handeln; der Eischnee fällt nicht vom Himmel und ist zum Rodeln gänzlich ungeeignet – aber eine Art des Tauens erfährt mit der Zeit auch er. (15. Februar 2021; Foto: correctura (Torsten Siever))

KW 6/2021

Globus ‒ Globen ‒ Globusse ‒ Globi

Titelblatt der Globus-Hauszeitung, Globi läuft über dem GlobusDie Coronakrise ist ein globales Ereignis, es betrifft die ganze Erde, die ganze Erdkugel. Das Wort Globus wurde zu Beginn des 16. Jahrhunderts von lateinisch globus entlehnt, das auf Deutsch ›Kugel, Ball; Klumpen‹ bedeutet, nachdem der Tuchhändler Martin Behaim 1492 in Nürnberg den ersten Globus anfertigen ließ. Im gleichen Jahr – dies sei nebenbei angemerkt – hat Christoph Kolumbus übrigens auch die »Neue Welt« entdeckt. Doch wie werden mehrere dieser faszinierenden Kugeln genannt? Globen vielleicht oder gar Globusse? Beides ist möglich, doch die Form Globen ist gebräuchlicher. Die Pluralendung -en kommt auch bei anderen Fremdwörtern vor, so beispielsweise bei Atlas ‒ Atlanten, Album ‒ Alben oder Konto ‒ Konten, wobei es zuweilen auch andere zulässige Pluralformen wie Atlasse gibt. Bleibt noch die Frage nach dem Genitiv. Auch hier hat man die Wahl, sowohl des Globus als auch die starke Form des Globusses ist richtig. Doch was hat denn nun eigentlich die erfolgreichste Schweizer Kinderfigur Globi mit dem Globus zu tun? Natürlich lautet im Lateinischen die Pluralform im Nominativ globi, aber der Name rührt woanders her: Das Schweizer Warenhaus Globus ließ die Figur Globi zum 25-jährigen Jubiläum als Werbeträger für Kinder erschaffen. Ursprünglich sollte die Figur Kimbukku heißen, was dem Basler Globus-Filialleiter jedoch nicht gefiel. Da die Basler das Warenhaus Globus Gloobi nannten, taufte man die Kinderfigur schließlich Globi. (08. Februar 2021; Illustration: Globus Hauszeitung – 19. Jahrgang 1948, Nr. 5)

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