Wissen

Tipp der Woche: 10 Wochen im Rückblick

Rechtschreibfehler oder Schreibvarianten? Oder nur eine stilistische Variante? Wir klären wöchentlich einen Zweifelsfall auf. – Sie haben eine Frage zur Orthografie? Schreiben Sie uns, gern mit Fotobeleg der Auffälligkeit, an info@correctura.com.

KW 25/2021

Vorbilder*innen oder doch eher Vorbild*innen?

Vorbilder(*innen) in der AusstellungBei diesem Plakat/Teaser schaut man zweimal hin, oder? Kunstvolles Design? Ja, aber das ist es nicht. Bei aller Kreativität: Da stimmt etwas nicht! Und schon bald erhärtet sich der Verdacht, auch wenn die Typografie bei der Headline, dem Blickfang, schon ein wenig Decodierungszeit benötigt. Hat man sie aber erst einmal entziffert, stutzt man zurecht: Natürlich gibt es auch jede Menge weibliche Vorbilder, doch gibt es deshalb auch Vorbilder*innen? Absicht? Man weiß es nicht. Zurzeit scheint aber praktisch alles männlich zu sein, was maskulin ist, und deshalb vorsichtshalber mit einem *innen erweitert zu werden; wir hatten hier ja schon die Gästin und den mutigen Koryphäer als Gegenstück. Doch das Neutrum, das neutrale Genus, war bislang eher unstrittig – wie der Name schon sagt – (geschlechts)neutral. Aber gut, da das Vorbild menschlich ist, kann man es ja doch mal deutlich machen. Wie auch bei Monster*innen oder Talent*innen. Zugegeben, diese Formen sind konstruiert, doch gibt es tatsächlich ein prominentes Beispiel für ein personenbezeichnendes Neutrum, das oftmals fälschlicherweise gegendert wird: das Mitglied. Vermutlich rührt dies daher, dass die Pluralform die Mitglieder – wie auch die Vorbilder – an die männliche Endung bei Personenbezeichnungen erinnert, und dann werden daraus die Mitgliederinnen abgeleitet. Eine Anrede wie »Liebe Mitgliederinnen und Mitglieder« ist weder sinnvoll noch notwendig, da das Neutrum sowohl Frauen als auch Männer bezeichnet. Anders als bei Mitglieder*innen wäre bei Genie*innen allerdings die Aussprache kompliziert. An die Sprechpause haben wir uns ja schon – wie auch Petra Gerster zu berichten weiß – gewöhnt: Wir lassen sie zunehmend weg. Bei Genie*innen ist das aber schwierig. So oder so: Eine schöne Ausstellung nach Berlin! (21. Juni 2021; Screenshot: Torsten Siever)

KW 24/2021

Gang und gäbe

Glas mit ausgeschütteten MünzenManche Dinge sind allgemein üblich, allgemein gebräuchlich oder auch – wie man so schön sagt: gang und gäbe. Landschaftlich begegnet man der Fügung ebenfalls in der doppelt umgelauteten Variante, also gäng und gäbe. Wenn wir uns die Etymologie betrachten, wird auch klar, warum diese umgelautete Variante existiert: Im Mittelhochdeutschen gab es das Wort genge, im Althochdeutschen gengi, was ›verbreitet, gewöhnlich‹ bedeutet, eigentlich wörtlich ›was gehen oder umlaufen kann‹. Gäbe bedeutet ›annehmbar, willkommen; lieb, gut‹ und ist zurückzuführen auf geben, wörtlich also ›was sich leicht geben lässt‹. Dies war ursprünglich auf die gängige Währung bezogen, dann auch auf übliche Handelsware, also auf alles, was sich im Umlauf befand. Wir sehen also, dass die Wendung ihren Ursprung in der Kaufmannssprache hat. Grammatisch gesehen handelt es sich um Verbaladjektive zu gehen und geben, weshalb die Schreibung gang und gebe gar nicht so abwegig wäre, doch sie ist nicht korrekt. Schließlich sei angemerkt, dass gang und gäbe nur prädikativ in Verbindung mit dem Verb sein verwendet werden kann. Eine Redewendung kann also zu einer bestimmten Zeit gang und gäbe sein, eine gang und gäbene Redewendung jedoch gibt es nicht. In diesem Fall sollte von einer gängigen, üblichen oder gebräuchlichen Redewendung gesprochen werden. Und apropos gängig: Wir hoffen, unsere Erklärungen in diesem Tipp waren eingängig. (14. Juni 2021; Foto: Olichel)

KW 23/2021

Unter anderem

Fragezeichen vor Steinmauer mit der Abkürzung u. a. (unter anderem)Die einen denken unter anderem, die anderen wüssten nicht, wie man das Wort andere schreibt. Tatsächlich haben diejenigen Recht, die behaupten, es werde in der Regel in allen Beugungs- und Steigerungsformen kleingeschrieben. Lediglich wenn der substantivische Charakter hervorgehoben werden soll, kann teilweise großgeschrieben werden: der, die, das Andere, etwas Anderes oder die Einen und die Anderen. Der Duden empfiehlt allerdings auch für diese Fälle die Kleinschreibung. Immer klein wird unter anderem geschrieben, man drückt damit aus, dass eine Aufzählung nicht vollständig ist. Die Schreibweise unteranderem findet sich zuweilen auch, doch diese ist nicht korrekt. Abgekürzt wird der Ausdruck mit u. a., wobei dazwischen ein Leerzeichen gesetzt werden muss, da es sich um zwei einzelne Wörter handelt. Damit die Abkürzung nicht auseinandergerissen wird, sollte dafür ein geschütztes verwendet werden. u. a. kann zudem auch für und andere stehen. (07. Juni 2021; Foto: geralt)

KW 22/2021

Schreibweise von Kardinalzahlen

bunte Ziffern auf schwarzem HintergrundWer kennt sie nicht, die gute alte Buchdruckerregel, die besagt, dass man Zahlen von 1 bis 12 in Buchstaben schreiben soll und ab 13 dann in Ziffern? Tatsächlich ist es nicht nur eine alte Regel, sondern auch eine veraltete. Zahlen können heutzutage sowohl in Ziffern als auch in Buchstaben geschrieben werden. Auch die Zahlen von 1 bis 12 sollten in manchen Kontexten in Ziffern gesetzt werden, beispielsweise in Statistiken sowie in technischen und wissenschaftlichen Texten, in denen die Zahl die Aufmerksamkeit auf die bezeichnete Sache lenken soll: »Die 12 Items des Fragebogens werden mit 0, 1 oder 2 Punkten bewertet.« Auch im Zusammenhang mit Abkürzungen wie 5 kg oder 3 EUR sollten Ziffern verwendet werden, bei den Vollformen hat man die Wahl: 5 / fünf Kilogramm bzw. 3 / drei Euro. In erzählenden Texten wie Romanen dahingegen dürfen auch Zahlen über 13 ausgeschrieben werden: «Vor fünfundzwanzig Jahren ist sie damals in das verschlafene Nest gezogen.» Ansonsten jedoch werden nur ein- und zweisilbige Zahlwörter ausgeschrieben. Es bleibt nun abzuwarten, ob es noch zwölf, 13 oder gar noch mehr Jahre dauert, bis die veraltete Buchdruckerregel zur Zahlenschreibung aus den Köpfen verschwindet. Aber halt: bei zusammenhängenden Zahlen sollte nicht gewechselt werden, also 12 oder 13 bzw. 12–13 (nicht zwölf–13). (31. Mai 2021; Foto: geralt)

KW 21/2021

Zutritt? Nur mit Selbsttest!

Warnschild an einer Schule: STOP! Zutritt nur mit negativen Selbsttest!Aktuell dürfen in Deutschland gewisse Schulen nur betreten werden, wenn ein negativer Schnelltest vorliegt. Gesundheit steht an oberster Stelle, klar, Grammatik scheint da weniger Priorität zu haben. Dass die Präposition mit den Dativ verlangt, schien man beim Anfertigen des Schildes nicht berücksichtigt zu haben. Wie also heißt es korrekt? Entweder »Zutritt nur mit einem negativen Schnelltest« oder »Zutritt nur mit negativem Schnelltest«. Die Regel für die korrekte Deklinationsendung bei diesen beiden Varianten lautet: Wenn dem Adjektiv ein Begleiter wie ein Artikel oder ein anderes Pronomen mit einer starken Endung vorangeht, erhält das Adjektiv eine schwache Deklinationsendung. In allen anderen Fällen wird das Adjektiv jeweils stark dekliniert. Das alles und beispielsweise auch, dass die korrekte Schreibung im Deutschen »Stopp« (Imperativ von »stoppen«) lautet, kann man in der Schule im Deutschunterricht lernen, sofern einem der Zutritt aufgrund eines negativen Schnelltests denn gewährt wird. (24. Mai 2021; Foto: Christina Siever)

KW 20/2021

Take-away und Takeaway

Tafel mit einem Take-away-AngebotDie Corona-Inzidenzen sinken, die Gastronomie darf teilweise wieder öffnen, v. a. in den Außenbereichen erst einmal. Die besten Zeiten des Tekaway dürften also vorüber sein. Doch nicht alle möchten sich vielleicht – wie an manchen Orten gefordert – erst einmal negativ testen lassen, bevor sie ein Restaurant betreten können, weil sie bislang noch kein Impfangebot erhalten haben. Da ist man dann vielleicht doch froh um Take-away-Angebote. Im Anglizismenindex findet man unter take-away den Eintrag »(Speise) zum Mitnehmen«, im Duden dahingegen wird unter Take-away bzw. Takeaway das Imbisslokal oder Restaurant verstanden, in dem diese Speisen mitgenommen werden können. Interessant ist übrigens auch die phonetische Angabe im Duden: Während man take im Englischen als [ˈteɪk] ausspricht, findet man im Duden die Angabe [›te:k|əve:]. Die Schreibung Tekaway ist folglich zwar nicht der korrekten Orthografie, aber der im Duden angegebenen Lautung entsprechend. Den Bindestrich auf alle Fälle kann man im Deutschen nach Belieben mitnehmen oder eben auch nicht. (17. Mai 2021; Foto: Christina Siever)

KW 19/2021

Das mit den Sprechpausen

Frau mit Hund; mod.: T. SieverAlles wird gut. Nehmen wir exemplarisch die Sendung extra-3, die als Satire-Format besonderen Wert auf Gerechtigkeit legt und deshalb das Gendersternchen spricht, am 28.04.2021 in Minute 03:25 brav mit Hiat (Pause; Bürger'innen), was jedoch schon in Minute 03:44 und in 21:26 aufgegeben wird. Hier sind es nur noch »Ärztinnen« oder »Hundehalterinnen«, die das eine oder andere tun. Allerdings sind es dann in Minute 03:53 nur noch »Ärzte und Krankenhauspersonal« oder gar »der Hund« (22:07). Danach kommt »Frau Bürgermeister« – ja, die Diversität lässt sich ja auch persiflieren. Oder ist das sprachliche Diversität? So gesehen fehlte dann aber doch das Binnen-I – wie immer es zu artikulieren sei – sowie die x-Endung, die nicht nur die englische Sprachgemeinschaft für die Anrede mittels Mx für Menschen bereithält, die sich nicht in Schubladen einsortieren lassen. 07:33 dann übrigens »Berlinerinnen und Berliner«, d. h., diverse Personen sind nach der Sternchen-/Gap-X-Huldigung nicht mehr mitgemeint (oder sollen es dann wieder sein). Das benannte »Corona-Chaos« kartografiert die extra-3-Crew also mit einem Gendering-Chaos. War sonst noch was? Ach, ja … sagen tut nur das »Frauchen« (22:03) etwas – aber das mag ja sogar stimmen – und neben »man« tritt auch »frau« (25:31) und dann doch wieder »Sie als Politiker« (28:24) heute nicht mehr zurück. Ach so. (10. Mai 2021; Foto: Pexels)

KW 18/2021

Stress wegen -ess?

StewardessWenn wir an die englische Sprache denken, beneiden vermutlich nicht wenige die Sprachgemeinschaft, die sich kaum dem Thema Gender zuwendet, wenn man zumindest von der Diskussion um die Pronomen he, she, her, his sowie mankind und anderen Kleinigkeiten absieht. Alle -er-Wortbildungen nämlich, wie worker, ranger, jogger, werden anders als dt. Arbeiter, Aufpasser, Jogger locker als geschlechtlich unspezifisch betrachtet. Der Unterschied ist schneller erklärt als tatsächlich durchdrungen: Diese Personenbezeichnungen haben kein Genus – weshalb man nur die Artikel the und a benötigt. Allerdings dürften sich auch im englischen Raum nicht alle auf Dauer damit zufriedengeben, denn auch dort gibt es durchaus Marker, die ein Geschlecht festlegen: bei der einfachen mistress (Mrs.), hostess, stewardess oder usherette (›Gerichtsdienerin; Platzanweiserin‹, auf -ette) ebenso wie bei der blaublütigen dukess, baroness und princess. Selbst god ist abgeleitet worden (goddess), um zweifelsfrei eine Göttin bezeichnen zu können. Und das, obwohl der Artikel hier immer noch nicht das Geschlecht unterscheidet. So mag der eine oder die andere die kühne These belächeln, dass auch im Engl. alsbald heiß darüber diskutiert wird, ob nicht die -er-Endung doch eine Erweiterung wie -ess erfahren muss und ohnedies nicht eher männliche als andere Personen bei Wörtern wie officer assoziiert werden. Auch wenn ein Adelstitel, der marquess (von fr. marquis; weibl.: marchioness), der trotz -ess (das sich aber anders spricht: [kwɪs]) ein Mann sein kann, dieser These im Weg zu stehen scheint: Gegangen werden kann dieser dennoch.
Von der Zukunft in die Vergangenheit: Die -ess-Bildungen sind natürlich nicht nativ, sondern aus dem Französischen entlehnt worden (hier: -esse). Auch im Deutschen sind einige Ausdrücke gebräuchlich: Hostess etwa, für die übrigens eine männliche Variante fehlt. Dabei ist das Wort gar nicht so unscheinbar: Mit ihm sind weitere Wörter gebildet (gekreuzt) worden, vorzugsweise mit -esse: Politesse (aus Polizei + Hostess), Ero(s)tess(e) (mit Eros) oder Hospitesse (mit Hospital) – ursprünglich Berufe eher für Frauen, aber es gibt auch den Politeur. (03. Mai 2021; Foto: Sandra Tropp)

KW 17/2021

»Sonst wie« – wie sonst?

Apfel abweichend andersEs kommt nicht häufig vor, dass in verschiedenen Duden-Bänden ähnlichen Alters die Schreibung eines Wortes abweicht, wenn nicht gerade eine Rechtschreibreform dazwischen liegt. Im Fall von sonst wie allerdings wählt die Redaktion des Herkunftswörterbuchs die Zusammenschreibung (2014), die der anderen die Getrenntschreibung (GWDS 2012, Rs. 2020). Wie so oft steht diese Unsicherheit mit einer umgangssprachlichen Verwendung in Verbindung. Denn sonstwie oder sonst wie findet sich doch eher nicht in Buch und Presse. Entscheidungshilfe bietet ein Blick auf Parallelen: *sonsteiner mutet schon seltsam an, aber spätestens bei *sonstjemand entscheiden sich die meisten wohl für die Aufteilung: sonst wer/wie/was/wo(hin)/eine(r)/jemand. Während sonst wie ›in anderer/besonderer Weise‹ bedeutet, meint wie sonst etwas Gegensätzliches (›wie immer‹) und dürfte kaum falsch geschrieben werden. Wie sonst endet der Tipp nicht sonst wie: Sonst ist nicht generell umgangssprachlich und in dieser Bedeutung bereits seit dem 14. Jh. belegt: etwa in »Haben Sie sonst noch Fragen?« in der Bedeutung ›ansonsten‹. (26. April 2021; Foto: Gerd Altmann)

KW 16/2021

Pfusch am Werk

Kermit – oh-ohMit dem Frühling setzt auch wieder die Bautätigkeit ein und stereotypisch fällt da doch gleich das Idiom Pfusch am Bau auf die Zunge. Wie Murks im letzten Tipp kann Pfusch aber nicht nur auf das Arbeiten bezogen sein, sondern auch auf ein hergestelltes Produkt. Das zugrundeliegende Verb pfuschen geht wahrscheinlich auf die Interjektion futsch! zurück, die lautlich vermutlich ein Abbrennen oder Zerreißen nachahmt. Trotz seiner Herkunft sind die Schreibweisen verfuschen oder Fusch inkorrekt. Auf Basis des Verbs sind viele schöne Wörter entstanden: Der Pfuscher ist laut Duden die älteste Bildung (aus dem 16. Jh.) und sorgt durch seine Pfuscherei für Pfusch, das erst im 20. Jahrhundert aufgekommen ist. Bei allem Pfusch ist hoffentlich nicht der ganze Tipp verpfuscht – und falls doch (gemäß Foto): Schauen Sie heute mal nicht so genau hin, sagen Sie nur nicht »So’n Pfusch!«, sonst hören wir heute einfach mal nicht hin. ;-) (19. April 2021; Foto: Alexas_Fotos)

KW 15/2021

Alles, nur kein Murks

Pirat mit Messer (abmurksen)Mit Sicherheit stellte sich nicht erst im 19. Jahrhundert der Wunsch ein, eine schlecht ausgeführte Arbeit oder ein unzureichendes Produkt mit einer auffälligen Lautfolge zu bezeichnen. Das konkrete Wort Murks ist aber erst seither belegt. Wie im Fall der Geschwister Pfusch(erei), Hudelei und Gestümper handelt es sich um einen umgangssprachlichen Ausdruck, der allein aber auf das Verb murksen zurückgeht, das ›ungeschickt oder unordentlich arbeiten‹ bedeutet. Es entwickelte sich wohl aus neuhochdt. Murk ›Brocken; Krümel; Knirps‹ bzw. murken, was für ›zerdrücken, zerknittern, zerbrechen‹ gebraucht wurde. Diese Bedeutung geht schon in Richtung von niederdt. murk(s)en, das wir ebenfalls umgangssprachlich für ›töten‹ gebrauchen – dann jedoch meist mit Präfix: abmurksen. Mit Pfusch (als Wort) und seiner Bildungsfamilie beschäftigt sich der Tipp der nächsten Woche. (12. April 2021; Foto: Felix Lichtenfeld)

++

Noch mehr Tipps?

Sie finden die deutsche Rechtschreibung so spannend? Prima, wir auch. Weitere Tipps der Woche finden Sie im Archiv.