Wissen

Tipp der Woche: 10 Wochen im Rückblick

Rechtschreibfehler oder Schreibvarianten? Oder nur eine stilistische Variante? Wir klären wöchentlich einen Zweifelsfall auf. – Sie haben eine Frage zur Orthografie? Schreiben Sie uns, gern mit Fotobeleg der Auffälligkeit, an info@correctura.com.

KW 37/2021

More what?

more AbstandGut gemacht: Die Spielbank Hannover hat ihre Automaten auseinandergezogen. Natürlich nicht, um den Umsatz zu reduzieren, sondern die Ansteckungsgefahr. Doch warum bewirbt sie dies mit more Abstand? Warum nicht mit mehr Abstand oder augenzwinkernd mit mehr Freiheit für unsere Automaten oder more …? Ja, was denn eigentlich? Distance? Space? Dies führt uns zur 1. möglichen Ursache: eine sprachliche Unsicherheit der Werbeagentur im Englischen. Größter Spaß ist ja dann wieder sicher übersetzbar. Auch rückübersetzbar von der potenziellen Kundschaft, das ist wichtig. 2. Ursache: ein gewünschter einheitlicher Vokallaut (unser rhetorisches Kompendium spricht hier von Homöoprophoron); dann hätten aber auch Wörter wie massig Abstand und such fun prima gepasst. 3. Ursache: Es gefiel schlicht und einfach. Da wir an solchen Stellen üblicherweise auf Einheitlichkeit hinweisen, empfehlen wir diese natürlich auch hier. Diese käme allerdings auch auf, wenn man jedem Wort seine eigene Sprache gönnt, also etwa more distanza – крупнейший 乐趣. – Naja, vielleicht doch besser einheitlich deutsch. (13. September 2021; Foto: Torsten Siever)

KW 36/2021

Pizza, Pizzen, Pizzeria

Pizzen vor einem Pizzaofen mit FeuerWer keine Lust auf Tiefkühlpizza hat, geht am besten in eine Pizzaria. Moment, wie heißt der Ort, an dem man eine Pizza bestellen kann? Richtig! Pizzeria! Aber warum eigentlich, das Gericht heißt doch Pizza? Bekanntlich kommt sowohl die Pizza als auch die Pizzeria aus Italien. Und in einer Pizzeria wird nicht nur eine Pizza gegessen, sondern mehrere. Nun muss man dazu wissen, dass Substantive im Italienischen, die auf -a enden, im Plural auf -e enden, also una pizzadue pizze, also eben Pizzeria. Bleibt noch zu fragen, wie dann die Pluralform von Pizza im Deutschen lautet. Hier hat man die Wahl zwischen drei verschiedenen Formen: Die italienische Variante Pizze ist korrekt, üblicher sind jedoch Pizzas oder Pizzen. Schließlich gibt es natürlich auch in vielen Städten nicht nur eine Pizzeria, sondern mehrere. Auch hier hat man die Wahl zwischen zwei korrekten Pluralformen: Pizzerias und Pizzerien. Na, und wer hat jetzt Lust auf eine Pizza? (06. September 2021; Foto: SalvatoreMonetti)

KW 35/2021

Zurück aus nah und fern

Zwei Frösche mit Gepäck neben einem GlobusAn manchen Orten sind die Sommerferien schon vorüber, an manchen Orten enden sie bald. Auf alle Fälle kehren alle aus nah und fern zurück zur Schule, in der sie wieder viel Neues lernen können. So zum Beispiel, dass in festen adverbialen Wendungen mit Präposition wie aus nah und fern oder durch dick und dünn die nicht deklinierten, artikellosen Adjektive kleingeschrieben werden. Es bleibt zu hoffen, dass die Schulen diesen Herbst und Winter besser gerüstet sind bezüglich des Coronavirus, sodass sie nicht über kurz oder lang wieder schließen oder die Schülerinnen und Schüler in Quarantäne schicken müssen. In substantivisch gebrauchten Paarformeln ohne Präposition werden nicht deklinierte Adjektivformen dahingegen großgeschrieben: Jung und Alt, Arm und Reich oder Gut und Böse. Und jetzt aufgepasst: Wenn solche Paarformeln geläufig sind und keine feste Präposition bei sich haben, ändert sich nichts an der Großschreibung, wenn eine beliebige Präposition hinzukommt: Es heißt also für/mit Jung und Alt und jenseits von/über Gut und Böse. (30. August 2021; Foto: Alexas_Fotos)

KW 34/2021

Im Gehege

Waschbär, der seine Nase durch ein Gehege nach draussen stecktDer arme Waschbär, er befindet sich in einem Gehäge! Oder doch in einem Gehege? Das Wort Gehege stammt vom Wort Hag ab. Hag wird in der Schweiz in der Bedeutung ›Zaun‹ verwendet, das Wort geht auf mittelhochdeutsch hac zurück, das einerseits ›Dorngesträuch‹ und ›Gebüsch‹, aber andererseits auch ›Einfriedung‹, ›Umzäunung‹ und ›Gehege‹ bedeutete. Tatsächlich schrieb man denn auch im 18. und 19. Jahrhundert Gehäge, doch heutzutage ist nur noch die Schreibung Gehege korrekt. Übrigens: Sprachschützer wollen ihre Sprache hegen und pflegen. Hegen, man ahnt es fast schon, ist eine Verbalableitung von Hag, es bedeutet also ›mit einem Hag umgeben‹. Und genau dies wollen Sprachpuristen: Sie umgeben »ihre« Sprache mit einem Zaun, einer Art Schutzwall, der vermeiden soll, dass beispielsweise Anglizismen in die Sprache »eindringen«. Auswandern dürfen sie aber schon. (23. August 2021; Foto: MichaelGaida)

KW 33/2021

Einen Obolus für jeden »Obulus«

Bratspieße über Grillrost und darunter eine Sammlung von MünzenObolus wird so häufig falsch geschrieben, dass im Duden tatsächlich die falsche Form Obulus aufgeführt ist. Ursprünglich wurde damit eine kleine altgriechische Münze bezeichnet, heute ist es ein (eher bildungssprachlicher) Ausdruck für ›kleinerer Betrag‹ oder ›kleine Geldspende‹. Das Substantiv wird im Deutschen seit dem 18. Jahrhundert verwendet, man findet es häufig in den Wendungen einen Obolus entrichten oder gegen einen kleinen/geringen Obolus. Das Wort geht zurück auf das lateinische obolus, das wiederum auf das griechische Wort obolós zurückgeht. Dabei handelt es sich um eine mundartliche Form von obelós, was so viel wie ›(Brat-)Spieß‹ bedeutet. Es wird vermutet, dass die ersten Münzen dieser Art kleine, spitze Metallstücke waren, die einem Spieß glichen. Die Pluralform lautet übrigens wahlweise Obolus ohne Endung oder Obolusse, der Genitiv ist ebenfalls endungslos. Tja, und mit welcher Eselsbrücke kann man sich nun die Schreibung merken? Die ersten beiden Vokale sind so rund wie zwei Münzen und mit etwas Fantasie kann das u in der dritten Silbe als zwei verbundene Spieße interpretiert werden. Bekämen wir jedes Mal einen Obolus, wenn jemand Obulus schreibt, hätten wir sicherlich bald einen großen Geldbetrag zusammen und könnten unseren Beruf an den Spieß, ach nein, an den Nagel hängen. (16. August 2021; Foto: PublicDomainPictures und image4you)

KW 32/2021

Belarus(s)isch?

Belarus ist (nicht) WeißrusslandDass bela im Staatsnamen Belarus, in kyrillischer Schrift: Бeла, ›weiß‹ bedeutet, muss man gar nicht wissen. Denn das sich anschließende -rus lässt eine Verbindung zum Russischen vermuten, also Weißrussland, klar. Doch Vorsicht: Nicht ohne Grund wird kaum mehr offiziell von Weißrussland gesprochen, sondern fast nur noch von Belarus. Dieser amtliche Name wird auch im deutschsprachigen Raum zunehmend verwendet, um die Unabhängigkeit von Russland anzudeuten. Darum wird immer häufiger nicht nur die Amtssprache als Belarussisch – statt ehemals Weißrussisch – bezeichnet, sondern zudem orthografisch modifiziert, um identitätspolitisch vom Russischen zu abstrahieren (oder die Verbindung zum Volk Rus zu betonen), etwa so: »Belarus hat zwei Amtssprachen, Belarusisch und Russisch, und viele Belarusen und Belarusinnen leben in der belarusischen Hauptstadt Minsk.« Wir enthalten uns dieses Mal einer klaren Aussage und erklären nur die Hintergründe für die Schreibabweichung, aber orthografisch ist sie eher (noch) als Fehler zu betrachten (bzgl. der Aussprache bleibt es beim kurzen s: [rʊs]), politisch ist sie nachvollziehbar (Krim-Annexion). (09. August 2021; Screenshot: Torsten Siever (ARD tagesschau, 06.08.2021))

KW 31/2021

Nachts ist es kälter als draußen

Nonsens-ZeichnungNein, keine Sorge, es ist alles in Ordnung. Aber für den dieswöchigen Tipp musste ein Nonsens-Satz her – schließlich geht es um das Wort Nonsens. So schwierig ist es gar nicht zu schreiben, aber sehr selten sieht man es mit einem i daherkommen, also Nonsins, und dies nicht ohne Grund: Es handelt sich schließlich um einen Nicht-Sinn. Das Wort wurde nämlich aus dem Englischen entlehnt (aus non + sense) und dies schon Ende des 17. Jahrhunderts. Angepasst wurde seine Schreibung nur in Bezug auf das letzte e – womöglich wegen des falschen Freundes Sense. »It makes no sense« wäre eine treffende englische Aussage über den Eingangssatz, die die deutsche Sprachgemeinschaft mit »Es macht keinen Sinn« übersetzt hat, wobei Sprachschützer/-innen auf »Sinn ergeben« statt »machen« bestehen. Knifflig ist der Genitiv: Wie bei Jens kann er endungslos dastehen oder (anders als bei Jens!) ein -es erhalten: [wegen des] Nonsenses. Wer den Genitiv bereits abgelegt hat, kann sich zurücklehnen: Bei wegen dem Nonsens stellt sich die Frage nicht. Und falls jemand fragt, ob wegen dem Nonsense nicht der korrekte Dativ sei: Die Wörter Unfug, Humbug, Kappes uvm. tun es womöglich auch und sind allesamt kälter als draußen. (02. August 2021; Illustration: Prawny)

KW 30/2021

Vandalismus oder Wandalismus?

Zerplittertes Glas mit Loch in der MitteVandalinnen und Vandalen oder auch Wandalinnen und Wandalen bezeichnen heutzutage zerstörungswütige Menschen, wobei die delinquente Handlung vor allem eine zwecklose, irrationale Sachbeschädigung beinhaltet. Sowohl die Schreibweise mit V als auch mit W ist korrekt, wobei die Schreibung mit V gebräuchlicher ist. Analog dazu kann auch das dazugehörige Substantiv und Adjektiv gebildet werden: Es gibt Vandalismus oder Wandalismus, das Synonym für ›zerstörungswütig‹ lautet vandalisch oder wandalisch. Die Aussprache bleibt sich bei beiden Schreibweisen gleich. Der germanischen Volksgruppe, die in der Spätantike ins römische Reich einwanderte, tut man mit der Bezeichnung allerdings unrecht: Die sprachliche Ableitung des Ausdrucks ist nämlich historisch kaum begründbar; zwar plünderten die Vandalen im Jahr 455 Rom, aber nicht in blinder Zerstörungswut. (26. Juli 2021; Foto: Free-Photos)

KW 29/2021

Gratin, das oder der?

Gratin mit Käse überbacken und daneben Garnitur mit frischen Tomaten und Kartoffeln und AubergineWie lautet der Fachbegriff in der Kochkunst für ein überbackenes Gericht? Gratin, klar, aber heißt es der Gratin oder das Gratin? Das Wort stammt aus dem Französischen, und zwar ist es vom Verb gratiner abgeleitet, das ›gratinieren‹ bedeutet, also im Sinne von ›überbacken, bis eine braune Kruste entsteht‹. Gratiner wiederum bedeutet ›am Rand des Kochtopfs festbacken‹, und dieses Wort ist abgeleitet von gratter, das ›abkratzen‹ bedeutet. Im Französischen selbst gibt es bekanntlich nur zwei Genera, nämlich das Femininum und das Maskulinum. Das grammatische Geschlecht des Gratins ist im Französischen le gratin, heißt es also folglich auch der Gratin im Deutschen? Im Duden steht schlicht das oder der, im Variantenwörterbuch des Deutschen findet man dazu dahingegen genauere Informationen: »In A und D Neutrum, in CH Maskulinum. Die maskuline Verwendung ist in D selten, die sächliche Verwendung ist in CH selten.« Gut möglich, dass das Maskulinum in der Deutschschweiz präsenter ist, da die französische Sprache durch die geografische Nähe gegenwärtiger ist als in Österreich oder Deutschland. Bei der Gratin handelt es sich um einen sogenannten Frequenzhelvetismus, was bedeutet, dass der Ausdruck in der Schweiz deutlich häufiger vorkommt als im restlichen deutschsprachigen Raum. (19. Juli 2021; Foto: RitaE)

KW 28/2021

Anton c/o Berta

BriefkastenvielfaltWer mit der Verarbeitung von Adressen zu tun hat, erlebt so manche Anordnung von Adressteilen und insbesondere Varianten von c/o oder selten . Diese aus dem englischen Sprachraum übernommene Abkürzung wird verwendet, wenn sich eine Person in der Obhut einer anderen Person oder einer Gesellschaft befindet – kurz: nicht auf dem Postkasten steht. Die entsprechende Vollform lautet care of und wird daher nicht vor die empfangende Person gestellt, sondern vor die Person oder Gesellschaft, die so freundlich ist, die Post für diese entgegenzunehmen. Der oder die Adressat/-in wird folglich stets zuerst genannt, als stünde sie auf dem Briefkasten. Der Grund dafür ist (auch) ein rechtlicher: Bei Erstnennung des Namens darf die Post nur von dieser erstgenannten Person geöffnet werden und nicht von einer anderen Person (selbst innerhalb einer Gesellschaft), die etwa die Post entgegennimmt. Bei Firmenadressen wird der Zusatz c/o meistens nicht genannt und ohnehin wird in der Regel die Firma vorangestellt, gefolgt von der Kontaktperson: Herr/Frau Mickelmeyer (das frühere z. Hd. für ›zu Händen‹ gilt als veraltet). Die Firma sollte also unbedingt an erster Position stehen, wenn eine Rechnung geschrieben wird oder andere Personen (etwa die Urlaubsvertretung) ebenfalls die Post öffnen dürfen bzw. sollen. Wird hingegen – damit es noch rechtzeitig ankommt – das Einhorn für den Geburtstag der Tochter an die Firmenadresse gesendet, sollte unbedingt der dort arbeitende Elternteil erstgenannt sein. Nicht, dass der Chefin das Geschenk gerade recht für den Geburtstag ihrer Tochter kommt. (12. Juli 2021; Foto: Daria Nepriakhina)

KW 27/2021

Bindestrich oder Gedankenstrich?

Lettern für den DruckWas ist eigentlich – so fragen sich wohl einige – der Unterschied zwischen einem Binde- und einem Gedankenstrich? Der Gedankenstrich (in der Druckersprache: Halbgeviertstrich) kennzeichnet – wie im Satz zuvor und auch bei diesem hier – Einschübe, also Gedankensprünge. Er ist länger als der Bindestrich (-, auch Viertelgeviertstrich genannt). Auch bei Auslassungen (100,– Euro) und Spannen (S. 197–201) wird der Gedankenstrich genutzt. Daher wird das Zeichen zuweilen auch Bis-Strich genannt. Nicht nur bei Zahlen, sondern auch bei anderen Zeichenfolgen kann der Bis-Strich eingesetzt werden: Der Flug Hannover–Zürich dauert eine Stunde. Der kürzere Bindestrich dahingegen verbindet im Deutschen Wortgruppen, die durchgekoppelt werden müssen: To-do-Liste. Um Komposita transparenter zu gestalten, kann ebenfalls ein Bindestrich genutzt werden, also statt Fußballeuropameisterschaft eben Fußball-Europameisterschaft, aber natürlich nicht Fußballeuropa-Meisterschaft. Auch bei Teilkürzungen (auch Ergänzungsstrich genannt) wie in Gedanken- und Bindestrich wird der Bindestrich genutzt. Auf der Standardtastatur ist der Viertelgeviertstrich immer zu finden, doch wie fügt man einen Halbgeviertstrich ein? Entweder in Word® Strg + − (das Minuszeichen des Ziffernblocks) oder generell Alt + 0150 (Ziffernblock). Nun hoffen wir, von A–Z alles verständlich erklärt zu haben. (05. Juli 2021; Foto: Free-Photos)

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