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Tipp der Woche: 10 Wochen im Rückblick

Rechtschreibfehler oder Schreibvarianten? Oder nur eine stilistische Variante? Wir klären wöchentlich einen Zweifelsfall auf. – Sie haben eine Frage zur Orthografie? Schreiben Sie uns, gern mit Fotobeleg der Auffälligkeit, an info@correctura.com.

KW 8/2021

Lieber Rat für deutsche Rechtschreibung,

Zielgruppen im (Schreib-)Wandelwenn Traditionsverlage wie De Gruyter Formen wie Linguist/-innen auf ihre Seite stellen, müssen wir dies aufgreifen. Natürlich soll es in diesem Tipp nicht dabei bleiben, nur die korrekte Form zu nennen, und schon gar nicht darum gehen, mit dem Zeigefinger auf eine Kommunikationsabteilung zu zeigen. Lässt sich doch mit diesem Beispiel die Frage aufwerfen, ob die ungrammatische Form Linguist*innen nun auf die bis dato richtige Schrägstrichschreibung einwirkt. Korrekt müsste es nämlich heißen: Linguisten/Linguistinnen oder als Kurzform Linguist(inn)en. Damit bleibt das Plural-Flexiv -en bei der maskulinen Form (und damit explizit auch der Linguist) erhalten.
Viel interessanter ist allerdings, dass die Website das Chaos abbildet, in das wir uns mit der (Sozial-)Geschlechterfindung begeben haben. Die engagierte Suche nach der »besseren« Form führt dazu, dass LinguistInnen auf derselben Seite steht wie Expert_innen, dass Germanisten unmittelbar neben Leserinnen und Leser gastiert und Helden links von Medienwissenschaftler/-innen posiert. Wer kann schon aktuell sagen, ob es sich bei Helden um ein letztes Aufbäumen des generischen Maskulinums handelt, ob nur männliche Helden behandelt werden oder Trans-Helden »mitgemeint« sind? Sagen kann man aber schon, dass innerhalb eines Unternehmens oder zumindest einer Website Einheitlichkeit herrschen sollte. Ach ja, die Adressierung in der Überschrift ist natürlich fiktiv, doch reift zunehmend der Wunsch nach einer Art Machtwort vom Rat – in welcher Richtung auch immer. (22. Februar 2021; Screenshot: correctura (Torsten Siever, De Gruyter))

KW 7/2021

Schneereich

schneereichIn dem bekannten Bestseller »Fräulein Smillas Gespür für Schnee« von Peter Høeg kann die in Grönland aufgewachsene Smilla Jaspersen einen mysteriösen Todesfall aufklären – unter anderem, weil sie Spuren im Schnee lesen kann. Als Tochter einer Inuk kennt sie viele Formen für Schnee, denen im hohen Norden Namen zustehen. Auch wenn die vergangene Woche äußerst schneereich gewesen ist, gibt es hierzulande nur zwei nennenswerte Differenzierungen: Nassschnee (auch Pappschnee) und Pulverschnee. Allerdings unterscheiden wir noch Firnschnee (›mind. 1 Jahr alter Schnee‹) von Neuschnee, auch wenn dieser mitunter nur Kunstschnee ist. Die Meteorologie kennt noch die Niederschlagsformen Schneegriesel und Schneeregen sowie bei der horizontalen Schneebewegung Schneetreiben und Schneesturm – womit wir bei Schneewehen und den verwandten Schneewechten wären. Letztere bezeichnen Schneeüberhänge an Geländekanten und schreiben sich heute nicht mehr mit ⟨ä⟩, da die Wechte vom Verb wehen abgeleitet ist. Auch wenn allen bisherigen Schnee-Bestandteilen kein weiterer Vokal folgte, gibt es solche Wörter: Schneeeule etwa, das sich zur besseren Lesbarkeit auch mit Bindestrich schreiben lässt: Schnee-Eule. Bei Eisschnee dürfte es sich übrigens üblicherweise um eine Fehlschreibung handeln; der Eischnee fällt nicht vom Himmel und ist zum Rodeln gänzlich ungeeignet – aber eine Art des Tauens erfährt mit der Zeit auch er. (15. Februar 2021; Foto: correctura (Torsten Siever))

KW 6/2021

Globus ‒ Globen ‒ Globusse ‒ Globi

Titelblatt der Globus-Hauszeitung, Globi läuft über dem GlobusDie Coronakrise ist ein globales Ereignis, es betrifft die ganze Erde, die ganze Erdkugel. Das Wort Globus wurde zu Beginn des 16. Jahrhunderts von lateinisch globus entlehnt, das auf Deutsch ›Kugel, Ball; Klumpen‹ bedeutet, nachdem der Tuchhändler Martin Behaim 1492 in Nürnberg den ersten Globus anfertigen ließ. Im gleichen Jahr – dies sei nebenbei angemerkt – hat Christoph Kolumbus übrigens auch die »Neue Welt« entdeckt. Doch wie werden mehrere dieser faszinierenden Kugeln genannt? Globen vielleicht oder gar Globusse? Beides ist möglich, doch die Form Globen ist gebräuchlicher. Die Pluralendung -en kommt auch bei anderen Fremdwörtern vor, so beispielsweise bei Atlas ‒ Atlanten, Album ‒ Alben oder Konto ‒ Konten, wobei es zuweilen auch andere zulässige Pluralformen wie Atlasse gibt. Bleibt noch die Frage nach dem Genitiv. Auch hier hat man die Wahl, sowohl des Globus als auch die starke Form des Globusses ist richtig. Doch was hat denn nun eigentlich die erfolgreichste Schweizer Kinderfigur Globi mit dem Globus zu tun? Natürlich lautet im Lateinischen die Pluralform im Nominativ globi, aber der Name rührt woanders her: Das Schweizer Warenhaus Globus ließ die Figur Globi zum 25-jährigen Jubiläum als Werbeträger für Kinder erschaffen. Ursprünglich sollte die Figur Kimbukku heißen, was dem Basler Globus-Filialleiter jedoch nicht gefiel. Da die Basler das Warenhaus Globus Gloobi nannten, taufte man die Kinderfigur schließlich Globi. (08. Februar 2021; Illustration: Globus Hauszeitung – 19. Jahrgang 1948, Nr. 5)

KW 5/2021

Ein kleiner Pikser für den Menschen …

Mensch in Schutzanzug hält eine riesige Spritze in der Hand und bekämpft damit Coronaviren… aber ein riesiger Sprung in der Pandemiebekämpfung!

Einige Corona-Impfstoffe sind zugelassen, jetzt warten die Menschen auf ihre Pikser. Doch für viele dürfte es noch etwas dauern; es bleibt also Zeit, sich mit dem Wort Pikser bzw. piksen und piken auseinanderzusetzen. Diese umgangssprachlichen Wörter werden häufig fälschlicherweise mit ie geschrieben (also pieksen und pieken), was der Aussprache des langen i entspricht. Betrachtet man die Etymologie, so kann festgestellt werden, dass die Wörter Nebenformen zu picken sind, weshalb die Schreibung mit i beibehalten wurde. Wer sich das nicht merken möchte, umgeht die Rechtschreibfalle, indem er oder sie einfach Einstich schreibt. Bleibt uns nur zu wünschen: Frohes und schnelles Gepikstwerden allerseits! (01. Februar 2021; Illustration: Alexandra_Koch)

KW 4/2021

Unter ferner liefen

PferderennenTrump ist nun – wenn man das so salopp sagen darf – Geschichte, der Ex-Präsident rangiert nun unter ferner liefen. Diese seltsam anmutende Wendung ist zwar in Zeitungstexten belegt, gehört aber zur Umgangssprache. Sie wird verwendet, um ausdrücken, dass eine Person oder Organisation ›bedeutungslos‹ ist. Wenn man die Worte wörtlich liest, lässt sich ihre Bedeutung erahnen. Spätestens mit dem Hintergrundwissen, dass die Wendung aus dem Pferdesport stammt. Dort trägt ferner den Akzent für Personen, deren Pferd ihren Antreiber nicht als Sieger ins Ziel getragen hat. Genannt werden neben den Siegern ferner also Sportler, die ebenfalls am Rennen teilgenommen haben, also gelaufen sind. Damit ist klar, dass Schreibungen wie unter Ferner Liefen nicht korrekt sind, Hervorhebungen der Art unter »ferner liefen« hingegen schon. Mitunter passt auch das Verb nicht zur Phrase, so etwa bei Sonst wäre heute Apple unter ferner liefen (20min.ch). (25. Januar 2021; Foto: H. Hach)

KW 3/2021

Vom Burn-out zum Boreout

gelangweilter WolfDie aufmerksame Leserschaft wird von einer falschen Reihenfolge ausgehen, geht doch das Bore-out mitunter dem Burn-out voraus; doch soll es hier nicht um einen möglichen Krankheitsverlauf, sondern um die Schreibung gehen. Und hier werden mitunter als mühevoll empfundene Stützen der Transparenz abgebaut – wie etwa bei Burn-out/Log-in zugunsten von Burnout/Login. Der Duden empfiehlt dennoch Burn-out und orientiert sich damit an der (englischen) Bildungsweise, denn das Wort besteht aus den Bestandteilen (to) burn und out. Allerdings bleibt selbst im Englischen nicht immer die Transparenz enthalten: von (to) back up zu (the) backup. Auch hier empfiehlt der Duden die Schreibung mit Bindestrich, doch dürften sich hier nur wenige Duden-treue Belege finden lassen; im IT-Bereich wird durchweg zusammengeschrieben.
Bei allem Variantenreichtum sei noch erwähnt, dass eine großgeschriebene Partikel unzulässig ist (*Bore-Out). Das Wort ist übrigens kein Fremd- oder Lehnwort, sondern eine Analogiebildung zu Burn-out. Die Schweizer Kreation Bore-out für ›berufliches Ausgelangweilt-Sein‹ ist der WHO allerdings gänzlich unbekannt. (18. Januar 2021; Foto: Hans Braxmeier)

KW 2/2021

Besser remis als verloren

SchachIn der nun endgültig hinter uns liegenden Weihnachtszeit hat der eine oder die andere mit Sicherheit ein Schachbrett unter dem Baum vorgefunden. Bei einem ungleichen Paar endete die Partie vermutlich nicht remis. Das Adjektiv für ein unentschiedenes Spielende ist über das Französische von lateinisch remittere ›zurückschicken‹ entlehnt. Beim Remisieren wird ein Remis erzielt, was verdeutlichen soll, dass das Wort nicht nur adjektivisch, sondern auch substantivisch verwendet werden kann. Die ebenfalls als Weihnachtsgeschenk geeignete (Lok-)Remise ist die feminine Variante (daher mit -e) und bedeutet ›(Lok-)Schuppen‹. Die auch nicht ganz ungeeignete Remittende geht im Übrigen ebenfalls darauf zurück; es bezeichnet ein Druckerzeugnis, das mängelbedingt an den Verlag zurückgesendet worden ist (Remission). Wussten Sie alles schon: Remis! War es Ihnen neu: Schach! ;-) (11. Januar 2021; Foto: André Grunden)

KW 1/2021

Alle Jahre wieder …

EuleMit dem Jahreswechsel geht es alljährlich um das, was man besser machen will – und selbstverständlich besser machen wird. Zu Neujahr werden also alle schlechten Gewohnheiten am *Schlawittchen gepackt. Widersprüche sind nicht zugelassen, außer schreibbezogene natürlich. Denn tatsächlich wird die Wendung häufig mit w geschrieben, weil die meisten ein W ([v]) sprechen und kein [f]. Einzig die Wortgeschichte hilft hier weiter, denn Fittich bedeutet ›Flügel‹. Erhalten geblieben ist das Wort nur noch in Schlafittich/Schlafittchen, das den ›Gewandzipfel, Rockschoß‹ aus Federn bezeichnet, an den man seine Hand anlegen kann. Demzufolge sind die Jackenzipfel wohl aus Flügeln hergestellt worden. Hoffen wir nur, dass sich die Vorsätze nicht mit eben solchen (wie »alle Jahre wieder«) auf und davon machen. (04. Januar 2021; Foto: Danny Moore)

KW 53/2020

Mit Ungepanschtem ins neue Jahr

ChampagnerHerbst und Winter haben auch ihre guten Seiten: Ostfriesentee, endlich mal wieder eine DVD einlegen und warum nicht auch mal ein Glas Wein dazu trinken. Wenn man jedenfalls die Flasche eines Weins öffnet, der nicht gepunscht ist. Oder gepanscht? Richtig, denn mit dem Punsch teilt das Panschen zwar die Aussprache und häufig auch seinen Alkoholgehalt (Bier, Wein), doch ist die Wortart eine andere. Gemeinsamkeiten hat es allerdings mit planschen: Beide Wörter haben lautmalerischen Charakter und das Duden-Herkunftswörterbuch stellt eine Verbindung zum Manschen her. Im einen wie im anderen Fall ist die Übertragung auf das unerwünschte, illegale und oft auch gesundheitsschädliche Mischen von Bier und Wasser oder Wein und Glykol passend, denn beim Zusammenkippen von Gaumenfreude und Streckmittel kommt es mitunter zum Platschen. Für die Annahme, dass Punsch wie panschen (oder pantschen) eine Lautmalerei ist, sprechen die Umstände, dass die Aussprache gleich ist und beim Punsch ebenfalls Flüssigkeiten zusammengeführt werden. Gegen sie spricht allerdings die Bildungsweise: Punsch ist vermutlich eine Fantasiebildung zu Hindi pāñc, das ›fünf‹ bedeutet und auf seine fünf Zutaten referiert: Arrak, Zucker, Zitronensaft, Wasser (oder Tee) und Gewürz. (28. Dezember 2020; Foto: SplitShire)

KW 52/2020

Etwas Kurzgebratenes zum Fest

Kurzgebratenes»Bringst du für Weihnachten etwas Kurzgebratenes mit, Schatz?« So könnte es im einen oder anderen Haushalt zu hören sein, damit mehr Zeit für die Bescherung bleibt. Gemeint sein dürfte in den meisten Fällen allerdings etwas anderes: etwas, das kurz anzubraten und damit schnell fertig ist. Das Kurzgebratene ist bereits gebraten (Partizip Perfekt). Das noch ungare Pendant wird roh transportiert und erst am Zielort befeuert – es müsste also Kurzzubratendes lauten. Oder Kurzzubratenes? Nein, denn es ist zwar kurz zu braten (ohne d), doch wie bei Herzustellendes oder Abzunickendes ist es ein Partizip Präsens: das kurz anzubratende Stück. Wer nicht mit Tofu oder Haferflocken-Bratling überrascht werden möchte, sollte das »Stück« besser präzisieren. Oder ausweichen auf die deutsche Tradition: Würstchen mit Kartoffelsalat (im Osten bis zu 69 % der Haushalte). Frohes Fest! (21. Dezember 2020; Foto: Ji-yeon Yun)

KW 51/2020

Beamte ›gegen‹ Beamtin

Arbeit für die KriminalistikWer den Radio-Tatort »Erster Angriff« von Dirk Laucke gehört hat, könnte nicht nur über die unbekannte (weil fiktive) Kreisstadt Lörben gestolpert sein, sondern auch über eine sprachliche Variante. Einmal ist eine Beamte zu hören (5:18 min), andere Male ist von einer Beamtin die Rede. Da Dubletten bei femininen Personenbezeichnungen ziemlich selten sind (und oft stilistisch different: Friseurin/Friseuse), ist die Frage nach einer möglichen Variante berechtigt. Aufschluss gibt ein Blick auf die Wortbildung: Die Basis bildet natürlich das Amt, davon abgeleitet ist über (jmd.) be-amt-en das Partizip be-amt-et. Die geschlechterneutrale Partizipialform würde heute folglich Beamtete lauten – und so ist es in der Amtssprache auch der Fall (standardsprachlich nur Verbeamtete). Im Frühneuhochdeutschen kam der Bedeutung ›mit einem Amt betraut‹ die Form beam[p]t zu, sodass Beamte die substantivierte Form darstellt (vgl. Betraute). Aus nahhistorischer Sicht ist Beamte folglich geschlechtsneutral, die Form Beamtin also redundant, aber natürlich nicht »verboten«. Damit treffen in Lörben nicht nur Links- und Rechtsextreme aufeinander, sondern auch Gegenwart und Geschichte. (14. Dezember 2020; Foto: stux)

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