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Tipp der Woche: 10 Wochen im Rückblick

Rechtschreibfehler oder Schreibvarianten? Oder nur eine stilistische Variante? Wir klären wöchentlich einen Zweifelsfall auf. – Sie haben eine Frage zur Orthografie? Schreiben Sie uns, gern mit Fotobeleg der Auffälligkeit, an info@correctura.com.

KW 32/2021

Belarus(s)isch?

Belarus ist (nicht) WeißrusslandDass bela im Staatsnamen Belarus, in kyrillischer Schrift: Бeла, ›weiß‹ bedeutet, muss man gar nicht wissen. Denn das sich anschließende -rus lässt eine Verbindung zum Russischen vermuten, also Weißrussland, klar. Doch Vorsicht: Nicht ohne Grund wird kaum mehr offiziell von Weißrussland gesprochen, sondern fast nur noch von Belarus. Dieser amtliche Name wird auch im deutschsprachigen Raum zunehmend verwendet, um die Unabhängigkeit von Russland anzudeuten. Darum wird immer häufiger nicht nur die Amtssprache als Belarussisch – statt ehemals Weißrussisch – bezeichnet, sondern zudem orthografisch modifiziert, um identitätspolitisch vom Russischen zu abstrahieren (oder die Verbindung zum Volk Rus zu betonen), etwa so: »Belarus hat zwei Amtssprachen, Belarusisch und Russisch, und viele Belarusen und Belarusinnen leben in der belarusischen Hauptstadt Minsk.« Wir enthalten uns dieses Mal einer klaren Aussage und erklären nur die Hintergründe für die Schreibabweichung, aber orthografisch ist sie eher (noch) als Fehler zu betrachten (bzgl. der Aussprache bleibt es beim kurzen s: [rʊs]), politisch ist sie nachvollziehbar (Krim-Annexion). (09. August 2021; Screenshot: Torsten Siever (ARD tagesschau, 06.08.2021))

KW 31/2021

Nachts ist es kälter als draußen

Nonsens-ZeichnungNein, keine Sorge, es ist alles in Ordnung. Aber für den dieswöchigen Tipp musste ein Nonsens-Satz her – schließlich geht es um das Wort Nonsens. So schwierig ist es gar nicht zu schreiben, aber sehr selten sieht man es mit einem i daherkommen, also Nonsins, und dies nicht ohne Grund: Es handelt sich schließlich um einen Nicht-Sinn. Das Wort wurde nämlich aus dem Englischen entlehnt (aus non + sense) und dies schon Ende des 17. Jahrhunderts. Angepasst wurde seine Schreibung nur in Bezug auf das letzte e – womöglich wegen des falschen Freundes Sense. »It makes no sense« wäre eine treffende englische Aussage über den Eingangssatz, die die deutsche Sprachgemeinschaft mit »Es macht keinen Sinn« übersetzt hat, wobei Sprachschützer/-innen auf »Sinn ergeben« statt »machen« bestehen. Knifflig ist der Genitiv: Wie bei Jens kann er endungslos dastehen oder (anders als bei Jens!) ein -es erhalten: [wegen des] Nonsenses. Wer den Genitiv bereits abgelegt hat, kann sich zurücklehnen: Bei wegen dem Nonsens stellt sich die Frage nicht. Und falls jemand fragt, ob wegen dem Nonsense nicht der korrekte Dativ sei: Die Wörter Unfug, Humbug, Kappes uvm. tun es womöglich auch und sind allesamt kälter als draußen. (02. August 2021; Illustration: Prawny)

KW 30/2021

Vandalismus oder Wandalismus?

Zerplittertes Glas mit Loch in der MitteVandalinnen und Vandalen oder auch Wandalinnen und Wandalen bezeichnen heutzutage zerstörungswütige Menschen, wobei die delinquente Handlung vor allem eine zwecklose, irrationale Sachbeschädigung beinhaltet. Sowohl die Schreibweise mit V als auch mit W ist korrekt, wobei die Schreibung mit V gebräuchlicher ist. Analog dazu kann auch das dazugehörige Substantiv und Adjektiv gebildet werden: Es gibt Vandalismus oder Wandalismus, das Synonym für ›zerstörungswütig‹ lautet vandalisch oder wandalisch. Die Aussprache bleibt sich bei beiden Schreibweisen gleich. Der germanischen Volksgruppe, die in der Spätantike ins römische Reich einwanderte, tut man mit der Bezeichnung allerdings unrecht: Die sprachliche Ableitung des Ausdrucks ist nämlich historisch kaum begründbar; zwar plünderten die Vandalen im Jahr 455 Rom, aber nicht in blinder Zerstörungswut. (26. Juli 2021; Foto: Free-Photos)

KW 29/2021

Gratin, das oder der?

Gratin mit Käse überbacken und daneben Garnitur mit frischen Tomaten und Kartoffeln und AubergineWie lautet der Fachbegriff in der Kochkunst für ein überbackenes Gericht? Gratin, klar, aber heißt es der Gratin oder das Gratin? Das Wort stammt aus dem Französischen, und zwar ist es vom Verb gratiner abgeleitet, das ›gratinieren‹ bedeutet, also im Sinne von ›überbacken, bis eine braune Kruste entsteht‹. Gratiner wiederum bedeutet ›am Rand des Kochtopfs festbacken‹, und dieses Wort ist abgeleitet von gratter, das ›abkratzen‹ bedeutet. Im Französischen selbst gibt es bekanntlich nur zwei Genera, nämlich das Femininum und das Maskulinum. Das grammatische Geschlecht des Gratins ist im Französischen le gratin, heißt es also folglich auch der Gratin im Deutschen? Im Duden steht schlicht das oder der, im Variantenwörterbuch des Deutschen findet man dazu dahingegen genauere Informationen: »In A und D Neutrum, in CH Maskulinum. Die maskuline Verwendung ist in D selten, die sächliche Verwendung ist in CH selten.« Gut möglich, dass das Maskulinum in der Deutschschweiz präsenter ist, da die französische Sprache durch die geografische Nähe gegenwärtiger ist als in Österreich oder Deutschland. Bei der Gratin handelt es sich um einen sogenannten Frequenzhelvetismus, was bedeutet, dass der Ausdruck in der Schweiz deutlich häufiger vorkommt als im restlichen deutschsprachigen Raum. (19. Juli 2021; Foto: RitaE)

KW 28/2021

Anton c/o Berta

BriefkastenvielfaltWer mit der Verarbeitung von Adressen zu tun hat, erlebt so manche Anordnung von Adressteilen und insbesondere Varianten von c/o oder selten . Diese aus dem englischen Sprachraum übernommene Abkürzung wird verwendet, wenn sich eine Person in der Obhut einer anderen Person oder einer Gesellschaft befindet – kurz: nicht auf dem Postkasten steht. Die entsprechende Vollform lautet care of und wird daher nicht vor die empfangende Person gestellt, sondern vor die Person oder Gesellschaft, die so freundlich ist, die Post für diese entgegenzunehmen. Der oder die Adressat/-in wird folglich stets zuerst genannt, als stünde sie auf dem Briefkasten. Der Grund dafür ist (auch) ein rechtlicher: Bei Erstnennung des Namens darf die Post nur von dieser erstgenannten Person geöffnet werden und nicht von einer anderen Person (selbst innerhalb einer Gesellschaft), die etwa die Post entgegennimmt. Bei Firmenadressen wird der Zusatz c/o meistens nicht genannt und ohnehin wird in der Regel die Firma vorangestellt, gefolgt von der Kontaktperson: Herr/Frau Mickelmeyer (das frühere z. Hd. für ›zu Händen‹ gilt als veraltet). Die Firma sollte also unbedingt an erster Position stehen, wenn eine Rechnung geschrieben wird oder andere Personen (etwa die Urlaubsvertretung) ebenfalls die Post öffnen dürfen bzw. sollen. Wird hingegen – damit es noch rechtzeitig ankommt – das Einhorn für den Geburtstag der Tochter an die Firmenadresse gesendet, sollte unbedingt der dort arbeitende Elternteil erstgenannt sein. Nicht, dass der Chefin das Geschenk gerade recht für den Geburtstag ihrer Tochter kommt. (12. Juli 2021; Foto: Daria Nepriakhina)

KW 27/2021

Bindestrich oder Gedankenstrich?

Lettern für den DruckWas ist eigentlich – so fragen sich wohl einige – der Unterschied zwischen einem Binde- und einem Gedankenstrich? Der Gedankenstrich (in der Druckersprache: Halbgeviertstrich) kennzeichnet – wie im Satz zuvor und auch bei diesem hier – Einschübe, also Gedankensprünge. Er ist länger als der Bindestrich (-, auch Viertelgeviertstrich genannt). Auch bei Auslassungen (100,– Euro) und Spannen (S. 197–201) wird der Gedankenstrich genutzt. Daher wird das Zeichen zuweilen auch Bis-Strich genannt. Nicht nur bei Zahlen, sondern auch bei anderen Zeichenfolgen kann der Bis-Strich eingesetzt werden: Der Flug Hannover–Zürich dauert eine Stunde. Der kürzere Bindestrich dahingegen verbindet im Deutschen Wortgruppen, die durchgekoppelt werden müssen: To-do-Liste. Um Komposita transparenter zu gestalten, kann ebenfalls ein Bindestrich genutzt werden, also statt Fußballeuropameisterschaft eben Fußball-Europameisterschaft, aber natürlich nicht Fußballeuropa-Meisterschaft. Auch bei Teilkürzungen (auch Ergänzungsstrich genannt) wie in Gedanken- und Bindestrich wird der Bindestrich genutzt. Auf der Standardtastatur ist der Viertelgeviertstrich immer zu finden, doch wie fügt man einen Halbgeviertstrich ein? Entweder in Word® Strg + − (das Minuszeichen des Ziffernblocks) oder generell Alt + 0150 (Ziffernblock). Nun hoffen wir, von A–Z alles verständlich erklärt zu haben. (05. Juli 2021; Foto: Free-Photos)

KW 26/2021

Shampoo, Shampoon, Schampun oder Schampon?

Grafiken von 4 verschiedenen Shampoo-FlaschenWer sich die Haare wäscht, benutzt ein (flüssiges) Haarwaschmittel, klar, doch wer spricht schon von Haarwaschmittel? Nein, natürlich, man verwendet ein Shampoo, ein Shampoon, ein Schampun oder ein Schampon. Ja was denn nun, welche Schreibweise ist wohl korrekt? Wir verraten es: Alle vier Formen sind im Duden als korrekt verzeichnet! Doch woher stammt das Wort, dass es so viele Schreibungen gibt? In der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde das Wort aus gleichbedeutend englisch shampoo entlehnt. Ursprünglich stammt das Wort jedoch aus dem Hindi, dort bedeutet chhampo so viel wie ›Knete!‹, da ja das Haarwaschmittel einmassiert werden sollte. Wenn man also seine Haare oder einen Teppich mit Shampoo behandelt bzw. einschäumt, dann nennt man diese Tätigkeit shampoonieren, oder eben analog zu den oben genannten Varianten auch schamponieren oder schampunieren. Dass bei einem deutschsprachigen Wort zwei Schreibvarianten zugelassen sind, kommt ja häufig vor, doch wie bei Shampoo und shampoonieren gleich drei oder vier? Wer kennt noch weitere Wörter, bei denen drei oder vier verschiedene Schreibvarianten zugelassen sind? Wir sind gespannt! (28. Juni 2021; Illustration: 7089643)

KW 25/2021

Vorbilder*innen oder doch eher Vorbild*innen?

Vorbilder(*innen) in der AusstellungBei diesem Plakat/Teaser schaut man zweimal hin, oder? Kunstvolles Design? Ja, aber das ist es nicht. Bei aller Kreativität: Da stimmt etwas nicht! Und schon bald erhärtet sich der Verdacht, auch wenn die Typografie bei der Headline, dem Blickfang, schon ein wenig Decodierungszeit benötigt. Hat man sie aber erst einmal entziffert, stutzt man zurecht: Natürlich gibt es auch jede Menge weibliche Vorbilder, doch gibt es deshalb auch Vorbilder*innen? Absicht? Man weiß es nicht. Zurzeit scheint aber praktisch alles männlich zu sein, was maskulin ist, und deshalb vorsichtshalber mit einem *innen erweitert zu werden; wir hatten hier ja schon die Gästin und den mutigen Koryphäer als Gegenstück. Doch das Neutrum, das neutrale Genus, war bislang eher unstrittig – wie der Name schon sagt – (geschlechts)neutral. Aber gut, da das Vorbild menschlich ist, kann man es ja doch mal deutlich machen. Wie auch bei Monster*innen oder Talent*innen. Zugegeben, diese Formen sind konstruiert, doch gibt es tatsächlich ein prominentes Beispiel für ein personenbezeichnendes Neutrum, das oftmals fälschlicherweise gegendert wird: das Mitglied. Vermutlich rührt dies daher, dass die Pluralform die Mitglieder – wie auch die Vorbilder – an die männliche Endung bei Personenbezeichnungen erinnert, und dann werden daraus die Mitgliederinnen abgeleitet. Eine Anrede wie »Liebe Mitgliederinnen und Mitglieder« ist weder sinnvoll noch notwendig, da das Neutrum sowohl Frauen als auch Männer bezeichnet. Anders als bei Mitglieder*innen wäre bei Genie*innen allerdings die Aussprache kompliziert. An die Sprechpause haben wir uns ja schon – wie auch Petra Gerster zu berichten weiß – gewöhnt: Wir lassen sie zunehmend weg. Bei Genie*innen ist das aber schwierig. So oder so: Eine schöne Ausstellung nach Berlin! (21. Juni 2021; Screenshot: Torsten Siever)

KW 24/2021

Gang und gäbe

Glas mit ausgeschütteten MünzenManche Dinge sind allgemein üblich, allgemein gebräuchlich oder auch – wie man so schön sagt: gang und gäbe. Landschaftlich begegnet man der Fügung ebenfalls in der doppelt umgelauteten Variante, also gäng und gäbe. Wenn wir uns die Etymologie betrachten, wird auch klar, warum diese umgelautete Variante existiert: Im Mittelhochdeutschen gab es das Wort genge, im Althochdeutschen gengi, was ›verbreitet, gewöhnlich‹ bedeutet, eigentlich wörtlich ›was gehen oder umlaufen kann‹. Gäbe bedeutet ›annehmbar, willkommen; lieb, gut‹ und ist zurückzuführen auf geben, wörtlich also ›was sich leicht geben lässt‹. Dies war ursprünglich auf die gängige Währung bezogen, dann auch auf übliche Handelsware, also auf alles, was sich im Umlauf befand. Wir sehen also, dass die Wendung ihren Ursprung in der Kaufmannssprache hat. Grammatisch gesehen handelt es sich um Verbaladjektive zu gehen und geben, weshalb die Schreibung gang und gebe gar nicht so abwegig wäre, doch sie ist nicht korrekt. Schließlich sei angemerkt, dass gang und gäbe nur prädikativ in Verbindung mit dem Verb sein verwendet werden kann. Eine Redewendung kann also zu einer bestimmten Zeit gang und gäbe sein, eine gang und gäbene Redewendung jedoch gibt es nicht. In diesem Fall sollte von einer gängigen, üblichen oder gebräuchlichen Redewendung gesprochen werden. Und apropos gängig: Wir hoffen, unsere Erklärungen in diesem Tipp waren eingängig. (14. Juni 2021; Foto: Olichel)

KW 23/2021

Unter anderem

Fragezeichen vor Steinmauer mit der Abkürzung u. a. (unter anderem)Die einen denken unter anderem, die anderen wüssten nicht, wie man das Wort andere schreibt. Tatsächlich haben diejenigen Recht, die behaupten, es werde in der Regel in allen Beugungs- und Steigerungsformen kleingeschrieben. Lediglich wenn der substantivische Charakter hervorgehoben werden soll, kann teilweise großgeschrieben werden: der, die, das Andere, etwas Anderes oder die Einen und die Anderen. Der Duden empfiehlt allerdings auch für diese Fälle die Kleinschreibung. Immer klein wird unter anderem geschrieben, man drückt damit aus, dass eine Aufzählung nicht vollständig ist. Die Schreibweise unteranderem findet sich zuweilen auch, doch diese ist nicht korrekt. Abgekürzt wird der Ausdruck mit u. a., wobei dazwischen ein Leerzeichen gesetzt werden muss, da es sich um zwei einzelne Wörter handelt. Damit die Abkürzung nicht auseinandergerissen wird, sollte dafür ein geschütztes verwendet werden. u. a. kann zudem auch für und andere stehen. (07. Juni 2021; Foto: geralt)

KW 22/2021

Schreibweise von Kardinalzahlen

bunte Ziffern auf schwarzem HintergrundWer kennt sie nicht, die gute alte Buchdruckerregel, die besagt, dass man Zahlen von 1 bis 12 in Buchstaben schreiben soll und ab 13 dann in Ziffern? Tatsächlich ist es nicht nur eine alte Regel, sondern auch eine veraltete. Zahlen können heutzutage sowohl in Ziffern als auch in Buchstaben geschrieben werden. Auch die Zahlen von 1 bis 12 sollten in manchen Kontexten in Ziffern gesetzt werden, beispielsweise in Statistiken sowie in technischen und wissenschaftlichen Texten, in denen die Zahl die Aufmerksamkeit auf die bezeichnete Sache lenken soll: »Die 12 Items des Fragebogens werden mit 0, 1 oder 2 Punkten bewertet.« Auch im Zusammenhang mit Abkürzungen wie 5 kg oder 3 EUR sollten Ziffern verwendet werden, bei den Vollformen hat man die Wahl: 5 / fünf Kilogramm bzw. 3 / drei Euro. In erzählenden Texten wie Romanen dahingegen dürfen auch Zahlen über 13 ausgeschrieben werden: «Vor fünfundzwanzig Jahren ist sie damals in das verschlafene Nest gezogen.» Ansonsten jedoch werden nur ein- und zweisilbige Zahlwörter ausgeschrieben. Es bleibt nun abzuwarten, ob es noch zwölf, 13 oder gar noch mehr Jahre dauert, bis die veraltete Buchdruckerregel zur Zahlenschreibung aus den Köpfen verschwindet. Aber halt: bei zusammenhängenden Zahlen sollte nicht gewechselt werden, also 12 oder 13 bzw. 12–13 (nicht zwölf–13). (31. Mai 2021; Foto: geralt)

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