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Tipp der Woche: 10 Wochen im Rückblick

Rechtschreibfehler oder Schreibvarianten? Oder nur eine stilistische Variante? Wir klären wöchentlich einen Zweifelsfall auf. – Sie haben eine Frage zur Orthografie? Schreiben Sie uns, gern mit Fotobeleg der Auffälligkeit, an info@correctura.com.

KW 16/2022

Gleichaltrige

Gleichaltrige JugendlicheSind Sie auch schon mal über das Wort gleichaltrig gestolpert? Wirklich -rig und nicht -ig? Einen solchen Wortbildungs-Bestandteil (Suffix) gibt es doch gar nicht!? Wenn Sie das so annehmen, liegen Sie richtig, denn -ig wie in nussig wandelt das Substantiv zum Adjektiv und nicht ein Suffix -rig, das im Deutschen nicht existiert. Aber das r gehört auch nicht zum Suffix, sondern zur Basis, dem Substantiv Alter – also Alter+ig und nicht *alt+rig. Dieses e in Alter kürzen wir ab, um das Wort nicht zu komplex und holperig/holprig, sondern angenehmer zu machen: Zum einen wird damit eine Silbe eingespart, zum anderen bildet das Wort damit einen typischen Trochäus (betont – unbetont). Dennoch könnten Sie auch gleichalterig oder die wiederum substantivierte Form Gleichalterige schreiben, wenn Sie die Struktur der Wortbildung hervorheben möchten. Sie können es aber auch als Gedächtnisstütze nutzen und die übliche Schreibweise ohne e verwenden. (18. April 2022; Foto: Alexas_Fotos)

KW 15/2022

Orchidee und Löwenzahn – welcher Typ sind Sie?

Kind inmitten von TulpenWenn Sie an Orchideen und Löwenzahn denken, kommt Ihnen vermutlich nicht auch gleich das in letzter Zeit so oft genannte Wort Resilienz in den Kopf. Doch? Dann haben Sie womöglich Kinder oder sind psychologisch geschult. Denn aus letzterer Disziplin stammt das Wort bzw. von lateinisch resilire ›zurückspringen‹ – und deshalb schreibt es sich auch nur mit einem l. Umschreiben könnte man Resilienz mit ›psychische Widerstandskraft‹, die einem Kind gegeben ist (Löwenzahnkind) oder nicht (Orchideenkind). Ist dies der Fall, kommen Kinder und Jugendliche mit stressigen Situationen (von Freundeskritik bis zur Trennung der Eltern) gut zurecht. In zahlreichen Studien ist allerdings ermittelt worden, dass das so einfach nicht ist, sondern dass sich einige bei einigen Konfrontationen mit Gleichaltrigen oder Erwachsenen resilient zeigen, bei anderen dann aber nicht. Und ganz viele Kinder lassen sich nur mäßig beeinflussen (Tulpenkind). Kurz: Bei einer kleinen Gruppe ist Resilienz konstant, bei der größeren hängt es von der Situation ab. Kinder zu Resilienz zu erziehen, kann man versuchen; mit dem Kind gut umzugehen und es zu unterstützen, sollte aber schon viel Positives bewirken. (11. April 2022; Foto: Marjon Besteman)

KW 14/2022

Wir erklären es bestmöglich und nicht bestmöglichst

Bunte Buchstaben, die Wer sein Bestes gibt, macht seine Sache möglichst gut, so gut wie irgend möglich, kurz: bestmöglich. Das Adjektiv bestmöglich enthält einen Superlativ, und zwar best, der Superlativ von gut. Aus diesem Grund darf das Adjektiv nicht noch einmal gesteigert werden. Ein Text wird also mit bestmöglicher Genauigkeit verfasst und nicht mit bestmöglichster Genauigkeit. Diese Regel gilt generell, es ist unzulässig, beide Bestandteile eines Kompositums zu steigern: Komparativ- und Superlativformen im Erst- und Zweitglied sind nicht möglich. In der Folge spricht man also von höherwertigen (nicht höherwertigeren) Produkten, vom nächstliegenden (nicht nächstliegendsten) Bahnhof, von der meistgelesenen (nicht: meistgelesensten) Zeitung, von der höchstgelegenen (nicht: höchstgelegensten) Stadt und von dem meistgekauften (nicht: meistgekauftesten) Smartphone. Doch kommen wir auf bestmöglich zurück: Eingangs sagten wir, dass bestmöglichst nicht möglich ist. Möglichst ist der Superlativ von möglich und ein Adverb. Aufgrund der Regel, dass zwei Superlativformen nicht in einem Kompositum vorkommen dürfen, heißt es analog also auch frühestmöglich (nicht: frühestmöglichst), größtmöglich (nicht: größtmöglichst) und schnellstmöglich (nicht: schnellstmöglichst). Nun haben wir hoffentlich alles bestmöglich erklärt. (04. April 2022; Illustration: Prawny)

KW 13/2022

Warum heißt der Entbindungsraum eigentlich Kreißsaal?

Gerade geborenes Baby nach Kaiserschnitt im KreißsaalDer Entbindungsraum im Krankenhaus nennt sich Kreißsaal und nicht – wie man vielleicht vermuten könnte – Kreissaal. Auch wenn Schwangere vielleicht im Anfangsstadium der Geburt noch umhergehen, um die Geburt voranzutreiben, und vielleicht auch mal im Kreis gehen, hat der Kreißsaal nichts mit einem Kreis zu tun. Der erste Teil des Kompositums stammt vom Verb kreißen ab. Im Mittelhochdeutschen bedeutete krı̄ʒen so viel wie ›gellend schreien, kreischen, stöhnen‹. Im 17. Jahrhundert wurde das Wort nur noch auf das Schreien einer gebärenden Frau bezogen und es entwickelte folglich die Bedeutung ›in Geburtswehen liegen‹. Wer sich also merkt, dass der Ausdruck Kreißsaal auf kreißen zurückgeht, das übrigens auch mit dem Verb kreischen verwandt ist, weiß künftig auch, wie er geschrieben wird. In der eszettlosen Schweiz spricht man ohnehin von Gebärsaal bzw. Gebärzimmer, sodass kein Kreisssaal benötigt wird. Und wenn man sich nicht mehr sicher ist, wie Kreißsaal geschrieben wird, kann man auch im restlichen deutschsprachigen Gebiet auf Entbindungszimmer oder Entbindungssaal ausweichen. Das Verb entbinden in der Bedeutung ›gebären‹ existierte übrigens ebenfalls schon im Mittelhochdeutschen und bezieht sich auf das Abbinden der Nabelschnur des Babys. (28. März 2022; Foto: BabyMin)

KW 12/2022

Despot, Tyrann, Diktator

Autokraten Lenin, Stalin, Putin, Zar Nikolaus II.Für Despot können Sie sich eine Bedeutung aussuchen: ›unumschränkter Gewaltherrscher‹ oder ›herrischer, tyrannischer Mensch‹. Beides geht auf griechisch despótēs ›Herrscher; [Haus-]Herr‹ zurück und wird nicht erst seit der Invasion Russlands für dessen Machthaber verwendet, sondern auch schon lange davor. In diesem Kontext wird aktuell auch oft von Oligarchen gesprochen, die wirtschaftlich schwer wiegen und politisch mit nur wenigen anderen einflussreich herrschen (Oligarchie). Das aus dem Griechischen stammende olígos bedeutet hierbei ›wenig; gering‹ und árchein ›Führer sein‹. In diesen Kontext gehört noch das politisch kaum zu übertreffende Wort Diktator (von diktieren) sowie Tyrann ›Gewaltherrscher‹, das den Weg aus dem Griechischen über lateinisch tyrannus genommen hat. Die Unterschiede: gering; die Auswirkungen: enorm. Wie am Ukraine-Krieg zu sehen ist, kann in solchen Herrschaftsstaaten ein einzelner Mensch einen ganzen Planeten tyrannisieren. (21. März 2022; Foto: Roman Rasputin)

KW 11/2022

Embargo, Blockade, »Quarantäne«

Aufklärungsbild der U. S. Air ForceDas Wort Embargo ist wohl eher unproblematisch hinsichtlich seiner Orthografie, aber es ist ein Wort, das mal nicht (direkt) aus dem Griechischen, Lateinischen oder Englischen entlehnt ist. Schon im 19. Jahrhundert wurde es für die ›Beschlagnahme besonders von Schiffen bzw. ihren Frachten‹ verwendet und geht zurück auf das spanische Verb embargar ›in Beschlag nehmen; behindern‹. Diese Handelsblockade kann sich auf die Einfuhr oder auch Ausfuhr von vor allem Waren beziehen. Historisch beängstigend, im Jahr 2000 spannend in »Thirteen Days« verpackt, dürfte uns dies die Kubakrise von 1962 in Erinnerung rufen, in der John F. Kennedy nicht von einer Blockade (als kriegerischer Akt interpretierbar) sprach, sondern von einer »Quarantäne«. Das Embargo galt für die sowjetischen Mittelstreckenraketen, die Chruschtschow auf Kuba zu installieren beabsichtigte; verhindert werden konnte dies durch die stillschweigende Zusicherung der USA, ihre Atomraketen aus der Türkei zu entfernen. Parallelen zur heutigen Situation lassen sich durchaus ziehen. Leider sieht es aber nicht so aus, als könnte ein Gas- und Öl-Embargo oder eine Sternstunde der Diplomatie den offensichtlich nicht zu verhindernden Krieg in 13 Tagen beenden. (14. März 2022; Foto: U. S. Air Force)

KW 10/2022

Aerosol zum Zweiten

Flagge der UkraineAerosole? Die kennen wir doch bereits aus Pandemiezeiten. Und während sich eben diese endlich wieder zu unkritischen Gaswolken zurückentwickeln, bedrohen die ukrainische Bevölkerung die nächsten Aerosole. Denn durch die Invasion Russlands in die Ukraine und die zunehmend aggressivere Waffennutzung des russischen Militärs begegnet uns leider etwa das Wort Aerosolbombe, die – wie der Name schon sagt – ein Aerosol verteilt, bevor dieses entzündet wird. Details wollen wir hier vermeiden, es geht uns schließlich um die Schreibung, und zwar um Aerosol und nicht Ärosol, was sich aus der Aussprache [ˈaˌeroˈzoːl] ergibt. Das schwer zu artikulierende Wort bedeutet schlicht ›Luft; Gas‹ und wurde von griechisch aḗr ›Luft‹ entlehnt. Bekannte Wörter mit identischem Bildungselement sind aerodynamisch oder Aeroelastizität (bei Flugzeugen). Früher hieß auch das Flugzeug selbst noch Aeroplan. Thermobare Bomben unterscheiden sich von den Aerosolbomben durch einen einzigen Zündungsvorgang, doch auch hier zur Herkunft: -bar ist ein Wortbildungsmittel (Suffix) zu althochdeutsch beran ›tragen; bringen‹ und bedeutet in dieser Verbindung ›wärmebringend‹. Eigentlich ein schönes Wort, wenn damit der Frühling gemeint wäre und es nicht so verheerende Auswirkungen hätte. Der Einsatz beider Arten gegen Zivilisten ist verboten. (07. März 2022; Illustration: jorono)

KW 9/2022

Fotovoltaik

Solarzellen auf einem HausdachAngesichts des Ukraine-Kriegs fragen sich viele Menschen, was der Krieg wohl für Auswirkungen auf das restliche Europa haben wird. Was, wenn Putin das Gas abdreht? Dann ist man mit erneuerbaren Energien wie einer Fotovoltaikanlage gut beraten, denn damit kann man letzten Endes nicht nur Warmwasser produzieren, sondern auch heizen. Doch schauen wir uns das Wort Fotovoltaik etwas genauer an. Es handelt sich dabei um eine Energietechnik, mit der elektrische Energie aus Sonnenenergie gewonnen werden kann. Im Wort steckt Volt (benannt nach Alessandro Volta) für elektrische Spannung und natürlich Foto für griechisch ›Licht‹ (φῶς, phos, im Genitiv: φωτός, photos), das wir auch aus Wörtern wie Fotografie und Fotosynthese kennen. Neben den bisher hier genutzten Schreibweisen, die von Duden präferiert werden, sind heute aber auch immer noch die Varianten Photovoltaik, Photografie und Photosynthese korrekt. Ob nun Fotovoltaik oder Photovoltaik, auf alle Fälle wird es die Umwelt danken. (28. Februar 2022; Foto: RoyBuri)

KW 8/2022

Tag der Muttersprache

Kind liest mit MutterHeute, am 21. Februar, ist der Internationale Tag der Muttersprache. Ihn gibt es seit 2000 und seither hat sich einiges geändert: Erstens nimmt die Anzahl der Muttersprachen ab, denn immer mehr Sprachen sterben aus. Allein diese Tatsache sollten wir uns am 21. Februar vergegenwärtigen. Zweitens ist der Ausdruck seither zunehmend umstritten, denn Kinder haben nicht nur eine Mutter, sondern auch einen Vater. Dieser wird jedoch nur mitgedacht und darüber ließe sich an einem Internationalen Tag der »Muttersprache« nachdenken. Aber die Herkunft des Wortes dürfte klar sein, denn natürlich handelt es sich um einen historischen Ausdruck aus einer Zeit, in der die Mutter ganz selbstverständlich die erste und im Regelfall (bei Wohlhabenden die Ammen) einzige Person war, von der sich das Kind die Sprache angeeignet hat. Drittens wird in der Linguistik eher von Erstsprache oder L1 (Language 1) gesprochen. Und dies ist nicht nur dem Wandel in der Familie geschuldet, sondern auch dem gesellschaftlichen Wandel, denn immer öfter werden gleich mehrere Sprachen erlernt oder es ist durch frühen Ortswechsel gar nicht so klar, welches denn nun die »Muttersprache« ist. (21. Februar 2022; Foto: 2081671)

KW 7/2022

Olympia und die Medaillen

Olympische Spiele (Flagge)Schlecht sieht es nicht aus für die Deutschen: Mit 14 Medaillen liegen sie am Sonntag, 13.02., auf Rang 2 (Österreich mit 14 auf Rang 6, die Schweiz mit 8 auf Platz 9). Oder Medallien? Nein, denn wie Emaille oder Kanaille schreiben sich solche aus dem Französischen stammenden Wörter aille. Medaillon (›Schaumünze‹) gehört in dieselbe Reihe, das sich wie Medaille von lat. metallum (›Metall‹) ableitet. Auch Olympia und Olympiade für ›Olympische Spiele‹ sind aus dem Französischen entlehnt, stammen aber natürlich aus dem Griechischen. Der Olymp war der mythologische Ort, an dem die griechischen Gottheiten residierten, und griech. Olympía der Austragungsort der antiken Sportwettkämpfe – dem höchsten Gott Zeus zu Ehren. Olymp heißt übrigens nicht nur das höchste Gebirge Griechenlands, sondern weitere hohe Gipfel haben diesen Namen erhalten. Der Gottesberg ist aber der thessalische Olymp. Mögen faire Wettkämpfe Medaillen für göttliche Leistungen bringen. (14. Februar 2022; Bild: DavidRockDesign)

KW 6/2022

Apartheids-Vorwürfe

Landschaft in SüdafrikaAmnesty International dürfte vor dem Vorlegen des jüngsten Israel-Berichts damit gerechnet haben, in die Kritik zu geraten: Apartheid ist ein starkes Wort. Den Ausdruck kennen wir aus Südafrika, wo im 20. Jahrhundert eine Trennung zwischen »schwarzer« und »weißer« Bevölkerung stattgefunden hat. Das Tragische daran ist die schöne Herkunft, denn apart bedeutete ursprünglich (auch) ›besonders schön‹ (franz. à parte). Dass das schön nicht immer gilt, zeigt das ital. Wort appartamento, welches ›abgeteilte Wohnung‹ bedeutet und eben Apartheid. Letzteres wurde allerdings indirekt über niederl. apart-heid von afrikaans apartheid ins Deutsche übernommen; eine Anpassung der Schreibung wie bei deutschen Substantiven auf -heit hat nicht stattgefunden. Afrikaans ist Amtssprache nicht nur, aber vor allem in Südafrika – neben zehn weiteren. Die Sprache wurde früher auch als Kapholländisch oder Kolonial-Niederländisch bezeichnet und ist eine vereinfachte Varietät des Niederländischen. (07. Februar 2022; Foto: David Mark)

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