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Gendern: Hinweise zur geschlechtergerechten Sprache

BITTE BEACHTEN: Dies ist keine Stellungnahme und schon gar keine politische. Es handelt sich um eine so neutral wie möglich formulierte Darstellung der aktuellen Lage bzgl. gendergerechter Sprache, um interessierten Personen sachlich die verschiedenen Aspekte dieses Themas näher zu bringen. Wenn Sie auf die Schnelle lediglich wissen möchten, wie Sie gendern sollen, hilft Ihnen unser Assistent.

1 Gendern heute – ein paar einleitende Worte

Veränderungen in der Sprache werden oft kontrovers diskutiert. Erhitzte vor nicht allzu langer Zeit die Rechtschreibreform die Gemüter, ist es jetzt die gendergerechte Sprache, die verfochten oder verflucht wird. Bevor im Folgenden erläutert wird, wie der aktuelle Stand der Debatte rund um das gendergerechte Schreiben aussieht, welche Möglichkeiten des gendergerechten Formulierens es gibt und was jeweils Vor- und Nachteile der verschiedenen Formen sind, soll zum Einstieg ein kurzes Rätsel gestellt werden:

Eines Tages fährt ein Vater seinen Sohn mit dem Auto zu einem Fußballspiel. Doch auf der Autobahn kommt es zu einer schlimmen Massenkarambolage, der Vater ist sofort tot. Der Sohn wird vom Unfallort mit dem Rettungshubschrauber in die nächstliegende Klinik geflogen und muss dort sogleich operiert werden. Er wird in den Operationssaal geschoben, in dem bereits die Chirurgen die Notoperation vorbereiten. Als sie sich jedoch über den Jungen auf dem Operationstisch beugen, wird jemand aus dem Team kreidebleich und sagt mit erschrockener Stimme: »Ich kann ihn nicht operieren – das ist mein Sohn!«

In welchem Verwandtschaftsverhältnis steht der kreidebleiche Chirurg zu dem Jungen? Viele mögen irritiert sein und denken: Wie kann der Vater im OP-Saal stehen, wenn er an der Unfallstelle verstorben ist? Andere denken vielleicht an eine Regenbogenfamilie, der Junge könnte zwei Väter haben. Dass es sich um eine Chirurgin und somit um die Mutter des Jungen handeln könnte, darauf kommt man nicht so schnell, denn wer »Chirurgen« liest, denkt oftmals ausschließlich an Männer. Das Beispiel zeigt, dass Frauen zwar oft ›mitgemeint‹ sein mögen, doch nicht immer mitgedacht werden. Gendergerechte Formulierungen können entsprechend dazu beitragen, dass alle Geschlechter mental repräsentiert werden.

Im vorliegenden Text werden wir zunächst auf den zugrunde liegenden gesellschaftlichen Wandel eingehen sowie wichtige Termini aus dem Kontext des Genderns wie gendergerecht, genderneutral, Genus, Sexus und generisches Maskulinum klären. Im Anschluss erläutern wir wichtige Phänomene der Wortbildung im Kontext der geschlechtergerechten Sprache wie die Motion und beschreiben, welche sprachlichen Varianten der ›gendergerechten‹ Sprache existieren und inwiefern sie aktuell amtlich zugelassen sind. In einem weiteren Abschnitt diskutieren wir, welche Vor- und Nachteile die einzelnen Schreibweisen mit sich bringen; Stichworte sind hier Ästhetik, Aussprache, Barrierefreiheit, Grammatikalität, Inklusion, Lesbarkeit, Präzision und Verständlichkeit. Für die linguistisch interessierte Leserschaft haben wir statistische Angaben zur syntaktischen Verwendung von Genderformen zusammengestellt, basierend auf unserem Genderwörterbuch. Für das eilige Publikum sei hier schon verraten, dass die Klammerformen (Leser(inne)n) weitaus häufiger realisierbar sind als die Kurzformen mit Genderstern (Leser*innen) oder Gendergap (Leser_innen). Klammerformen sind ebenfalls etwas häufiger realisierbar als die herkömmliche binäre Schrägstrichform (Leser/‑innen).

2 Gesellschaftlicher Wandel = Sprachwandel?

Wir erleben zurzeit einen starken gesellschaftlichen Wandel, der beispielsweise damit verbunden ist, dass Minderheiten eine starke Bedeutung erhalten. Eine Minderheit besteht auch in Form eines Individuums, und Individualität ist aktuell zentral. Danah »boyd« Boyd etwa hat vor Gericht erstritten, dass ihr Nachname im Pass kleingeschrieben wird und erklärt im Internet, warum dies so wichtig sei. Sprache oder eine konkrete sprachliche Form ist folglich für viele Menschen von großer Bedeutung.

Historisch betrachtet war für das gendergerechte Formulieren im Deutschen der Ausgangspunkt, dass von Seiten der feministischen Sprachkritik moniert wurde, dass sich die patriarchale Vormachtstellung des Mannes in der Sprache manifestiert. Ähnlich der oben genannten individuellen Kleinschreibung ist es auch der Wunsch diverser Personen (im Sinne des dritten Geschlechts), sprachlich genauso in Erscheinung zu treten wie heutzutage Frauen. Da die grammatischen Genera Femininum und Maskulinum belegt sind, bleibt nur das Neutrum (was abgelehnt wird) oder die Einführung neuer Kategorien. In der Überzahl der Vorschläge geht es um Zeichen, die es in Wörtern nicht gibt: * (Genderstern), _ (Gendergap), : (Genderdoppelpunkt)  etc. Der natürlichen Sprache angemessener sind jedoch Vorschläge wie ı⃰, bei dem ein bestehendes Wortzeichen modifiziert wird. Dass jedoch alle Minderheiten oder gar Individuen kein exklusives Zeichen erhalten können, ist selbstverständlich.

3 Begriffliche Vorbemerkungen

Wenn von »gendergerechter Sprache« die Rede ist, sind vor allem Ausdrücke gemeint, die entweder

  • nicht auf ein konkretes Geschlecht hindeuten (das Kind, der Gast) oder
  • auf ein konkretes Geschlecht verweisen, das auch tatsächlich gemeint ist (der [männliche] Lehrer vs. die [weibliche] Lehrerin vs. ?der [diverse] Fahrgast) oder
  • alle Geschlechter nennen, auf die verwiesen werden soll (die Studenten und die Studentinnen bzw. die Studierenden).

Verbunden sind damit die beiden Begriffe natürliches Geschlecht (Sexus) und grammatisches Geschlecht (Genus). Die deutsche Sprache hat drei Genera: Femininum, Maskulinum und Neutrum; durch die in 2018 erfolgte Gesetzesänderung wird das natürliche Geschlecht in männlich, weiblich und divers eingeteilt. In einigen Fällen unterscheidet sich das (natürliche) Geschlecht vom Genus eindeutig: (das) Kind etwa ist grammatisch neutral/sächlich, natürlich jedoch männlich, weiblich oder divers, (die) Frau hingegen referiert zweifelsfrei auf ein weibliches Geschlecht, was auch mit dem femininen Genus übereinstimmt. Umgekehrt gibt es neutrale Wörter wie (das) Mädchen, das ein weibliches Geschlecht impliziert, (die) Tunte wiederum ist feminin, bezeichnet allerdings eindeutig eine männliche Person, (der) Vamp wiederum ist maskulin, bezeichnet jedoch ausschließlich Frauen. Grundsätzlich haben Genus und Sexus keinerlei Verbindung, dennoch wird teils fälschlicherweise immer wieder eine gezogen: Der Papierkorb hat natürlich ein maskulines grammatisches Geschlecht, aber kein Sexus; Papierkörbinnen werden entsprechend nicht benötigt. Aber Achtung: Das harmlos wirkende Neutrum Rednerpult hat zwar ebenfalls kein Sexus, doch steckt darin (der) Redner. Entsprechend kann man hier auf Redepult ausweichen, analog kann man statt von Benutzerfreundlichkeit von Nutzungsfreundlichkeit sprechen.

Beim sog. generischen Maskulinum wird diese fehlende Übereinstimmung von Genus und Sexus zum grundsätzlichen Prinzip erklärt: Für Wörter wie (der) Leser wird angenommen, dass das Genus wie beim Vamp nicht mit dem natürlichen Geschlecht überstimmt, entsprechend können damit Menschen allen natürlichen Geschlechts gemeint sein. Die Einführung weiblicher Personenbezeichnungen wie (die) Amtmännin, später Amtfrau wurde dem generischen Maskulinum allerdings zum Verhängnis: Nun gab es bei dem Leser nicht mehr nur die Lesart ›Person, die liest‹, sondern auch ›männliche Person, die liest‹, da ja Leserin ›weibliche Person, die liest‹ geworden war. Die Einführung der weiblichen Personenbezeichnungen sind also der Grund dafür, dass sich spätestens heute weibliche Personen eben nicht mehr ›mitgemeint‹ fühlen, wenn von Lesern gesprochen wird – auch wenn sich an der Unterscheidung von Genus und Sexus nichts geändert hat. Interessant ist im Übrigen in diesem Kontext der Blick auf andere Sprachen: In Sprachen, in denen keine weiblichen Personenbezeichnungen eingeführt worden oder kaum verbreitet sind, wie beispielsweise in anderen germanischen Sprachen wie dem Englischen und Niederländischen, stellt das generische Maskulinum kein großes Problem dar. Zum Schluss sei erwähnt, dass bisweilen vorgeschlagen wird, das generische Femininum einzuführen, das heißt, dass bei »Leserinnen« auch Männer ›mitgemeint‹ sind. Wer jedoch das generische Maskulinum als nicht geschlechtergerecht ablehnt, muss dies für das generische Femininum ebenfalls tun. In vielen Fällen dürfte es sich auch nicht um einen ernsthaften Vorschlag, sondern um eine populistische politische Provokation handeln.

Streng genommen sollte auch zwischen einer gendergerechten Sprache, die alle Geschlechter berücksichtigt und sichtbar macht, und einer genderneutralen Sprache, die kein natürliches Geschlecht erkennen lässt, unterschieden werden. Der Ausdruck Lehrkörper etwa referiert nicht auf ein Geschlecht, auch wenn er maskulin ist. Schneemann hingegen ist maskulin und referiert auch auf ein Geschlecht, bezieht sich also nur auf männliche Schneefiguren. Möchte man hier also auf natürliche Geschlechter explizit hinweisen (resp. den Geschlechtern gerecht werden), müsste man von Schneemännern und -frauen sprechen – genderneutral ist wiederum die Form Schneefigur.

4 Zur Wortbildung gendergerechter Ausdrücke

Wörter haben eine Bedeutung und sind wie Lego-Bauten aus Bausteinen (sog. Morphemen) gebildet, die eine Bedeutung (oder Funktion) aufweisen. Bleiben wir bei diesem Vergleich und sagen: Die grünen Steine sind recht unabhängig und haben eine Bedeutung, {les} in etwa ›den Inhalt eines Textes erfassen‹; gelbe Steine wie {-er} brauchen einen grünen Stein, stehen etwa hinter einem Verbstamm wie {les} und bedeuten dann ›jmd., der x-t‹; {les}+{er} bedeutet zusammen also ›jmd., der liest‹. Auch {-in} in Leser+in ist ›gelb‹ und bedeutet etwas, dass es sich nämlich um eine weibliche Person handelt; damit verbunden ist die Genus-Änderung von Maskulinum zu Femininum; hier lässt sich also eine Verbindung zwischen Sexus und Genus aufzeigen. Der Lego-Stein {-in} lässt sich an viele der auf {-er} endenden Wörter anhängen, womit eine einfache Möglichkeit gegeben ist, weibliche Personenbezeichnungen zu erschaffen (Motion genannt). Problematisch, aber kaum thematisiert ist, dass damit das Problem der männlichen Zentralität (Androzentrismus) nicht beendet wird: Die weibliche Sprachform ist nach wie vor von der männlichen abgeleitet, viel schlimmer: abhängig. Während der Mann stets repräsentiert ist, wird die weibliche nur in besonderen Fällen ergänzt: {les}+{er} (+{in}). Der Exkurs zeigt, dass 1. die Diskussion nicht trivial ist und 2. natürliche Sprache sich nicht einfach in eine formale Sprache (z. B. Programmiersprache) konvertieren lässt, die sich – wie ein Lego-Haus – durch Umstecken verändern lässt.

Dabei wäre es eine perfekte ›Gleichstellung‹, wenn man bereits unmittelbar hinter das {les} die weibliche Endung anhängen könnte. Leider muss (zurzeit) davor ein Sternchen stehen, was bedeutet, dass das Wort nicht grammatisch ist: *Lesin. Wenn ein Wort fraglich erscheint, lässt sich dies mit einem Fragezeichen markieren: ?Zaubererin (korrekt sind die Formen Zauberin / Zaubrerin).

5 Sprachliche Varianten der ›gendergerechten‹ Sprache

Die Vorschläge, das weibliche und andere Geschlechter sichtbar(er) zu machen, lassen sich gut gruppieren:

  • Nennung zweier Geschlechter (Leserinnen und Leser, Leser/-innen, Leser(innen))
  • Veränderte Orthografie: Binnengroßschreibung (LeserInnen), i-Punkt-Alternativen (Leserı⃰nnen) etc.
  • Nichtwort-Zeichen wie Gender-Sternchen (Leser*innen), Gendergap (Leser_innen), Interpunktion (Leser.innen, Leser:innen) sowie weitere
  • Änderungen am Wortbaumaterial (= neue gelbe Lego-Steine): ein Morphem {x} für alle Geschlechter
  • Neutralisierung: Vermeidung der Nennung irgendeines Geschlechts durch Partizipialformen (Lesende), neutrale Morpheme (Leserschaft), Relativsätze (Wer das Buch liest, sieht …) etc.

Die genannten, derzeit verwendeten Formen für eine gendergerechte Schreibung lassen sich gruppieren. Einerseits können die Varianten gruppiert werden in Formen, die nach der amtlichen Rechtschreibung zugelassen sind oder nicht, zudem gibt es binäre und nicht binäre Formen. Während bei binären Formen die beiden natürlichen Geschlechter männlich und weiblich berücksichtigen, schließen nicht binäre Formen sämtliche natürlichen Geschlechter (also auch das dritte Geschlecht divers) mit ein.

binär nicht binär
amtliche Rechtschreibung Leserinnen und Leser, Leser/-innen, Leser(innen) Lesende, Leserschaft
amtlich (noch) nicht zugelassen LeserInnen Leserı⃰nnen, Leser*innen, Leser:innen, Leser_innen, Leser.innen

Tab. 1: Realisierungsformen nach Binarität und Zulässigkeit

Wer sich also fragt, wie er oder sie gendern sollte, muss sich einerseits darüber klar werden, ob das dritte Geschlecht berücksichtigt werden soll, und andererseits, ob der Text der amtlichen Rechtschreibung entsprechen muss oder soll. Sind diese zwei Fragen geklärt, können die entsprechenden Formen gewählt werden (siehe Tabelle). Hier findet man einen Assistenten, der bei der Wahl der richtigen Genderform behilflich ist. Im folgenden Abschnitt werden die einzelnen genannten Gender-Varianten noch genauer beleuchtet und deren Vor- und Nachteile erörtert.

6 Sprachliche Einordnung dieser Formen

Der Rat für deutsche Rechtschreibung, der für das amtliche Regelwerk der deutschen Rechtschreibung verantwortlich ist, hat im November 2018 Empfehlungen zur »geschlechtergerechten Schreibung« publiziert. Darin werden die folgenden 6 Kriterien für das geschlechtergerechte Schreiben angeführt: 1) sachliche Korrektheit, 2) Verständlichkeit und Lesbarkeit, 3) Vorlesbarkeit, 4) Rechtssicherheit und Eindeutigkeit, 5) Übertragbarkeit (bei Ländern mit mehreren Amts- und Minderheitensprachen) sowie 6) Sicherstellung der Konzentration auf die Hauptinformation. Auf die Kriterien 1) bis 3) sowie 6 und weitere Aspekte gehen wir im Folgenden näher ein.

Ein Kriterium für die Wahl einer gendergerechten Form kann seine Machbarkeit sein: Grammatikalität also. Der Eingriff in die Sprache sollte so gering wie möglich ausfallen, weshalb Formen mit Nichtwortzeichen inmitten von Wörtern eher problematisch sind. Der Sturm der Entrüstung gegen das Binnen-I in LeserInnen wirkt angesichts der Verwendung des Sterns in Leser*innen geradezu harmlos. Jedoch ist beiden gemeinsam, dass die vielen adressierten Geschlechter beim Sprechen nur ›mitgemeint‹, nicht aber mitgenannt werden – der Grund für dessen Einführung. Zudem gibt es viele Verstöße gegen die Grammatik: Der Satz *Den Leser*innen wünsche ich viel Freude ist ungrammatisch, da den Lesern darin nicht abgebildet ist. An der Strichschreibung wird dies deutlicher: *den Leser/-innen kann aufgeschlüsselt werden zu den Leserinnen und *den Leser, wovon nur erstere Form grammatisch ist. Nun könnte man argumentieren, dass damit *Den Leser*inne*n gemeint ist, doch bei Ausdrücken, bei denen die weibliche Pluralform einen Umlaut enthält, ist dies ausgeschlossen: In den Bäuer*innen kann man die mitgemeinten Bauern nur noch erahnen. Aus diesem Grund sprechen einige Gründe für die vollständige Nennung der Formen, wo eine abgekürzte nicht möglich ist.

Die genannten Formen haben neben der (nicht vorhandenen) Grammatikalität alle weitere Vor- und Nachteile, die hier kurz erläutert werden sollen. Optimal sind natürlich die Formen, die der amtlichen Rechtschreibung entsprechen und das dritte Geschlecht einschließen. Allerdings sind nicht immer Partizipialformen oder Ausdrücke mit neutralen Morphemen bildbar. Die Paarnennung eignet sich insbesondere für gesprochene Sprache, Texte können jedoch durch ständige Doppelnennungen schwerfällig wirken.

Oftmals sind Partizipialformen, Ersatzformen oder Umschreibungen sinnvoll, doch mitunter geht hier sprachliche Präzision verloren. So kann ein »Dekanat« nicht mit einer »Dekanin« oder einem »Dekan« gleichgesetzt werden und unter ärztlichem Personal kann man nicht nur Ärztinnen und Ärzte, sondern auch medizinische Fachangestellte verstehen, die in einer Arztpraxis arbeiten oder Patientinnen und Patienten eines Krankenhauses pflegen.

Gegen die amtlich korrekte Klammerschreibung wird zuweilen eingewandt, dass Frauen damit abgewertet würden, da sie eingeklammert würden. Ausdrücke wie (un-)grammatisch zeigen jedoch, dass die Klammer einfach zwei Varianten anzeigt, also grammatisch und ungrammatisch. Formen wie Leser(innen) und Leser/-innen sowie Formen mit Nichtwort-Zeichen wie Leser*innen und Leser:innen können Probleme bei der Aussprache bereiten, wobei sich hier der sogenannte Glottisstop als Lösung abzuzeichnen scheint: Es wird eine kurze Sprechpause eingelegt.

Nicht nur für Sprechende, auch für blinde oder sehbehinderte Menschen stellt dies ein Problem dar; man muss also aufpassen, dass die Inklusion des dritten Geschlechts nicht zur Exklusion anderer Menschen führt. Da der Doppelpunkt in gängigen Screenreadern in der Standard-Einstellung ignoriert wird, wird oftmals dieser nicht binären Form vor der Variante mit Gendersternchen der Vorzug gegeben. Allerdings sollte die Technik hier nicht allein ausschlaggebend sein; setzte sich die Form des Gendersternchens durch, könnte man entsprechend auch die Standard-Konfigurationen von Screenreadern verändern.

Gewisse Formen der gendergerechten Sprache sind nicht nur der Barrierefreiheit, sondern auch der Verständlichkeit abträglich. Bei der sogenannten Leichten Sprache sind Lesbarkeit und Verständlichkeit zentral, weshalb viele Formen gendergerechter Sprache der größeren Komplexität wegen nicht infrage kommen. Das Problem kann dadurch teilweise umgangen werden, dass man geschickt umformuliert. Bezüglich der Barrierefreiheit und der Verständlichkeit wäre es wünschenswert, dass sich eine Variante des Genderns (nicht der Genderneutralität) durchsetzt, denn dadurch steigt der Wiedererkennungswert und die Texte sind leichter zu verstehen.

Nicht zuletzt ist zu eruieren, ob in sämtlichen Textsorten eine genderneutrale Sprache erforderlich und möglich ist; für Belletristik oder gar Lyrik ist dies beispielsweise schwer denkbar. Ob und wie man gendert, ist also – wie wir gesehen haben – stets eine Frage der Vorgaben, des Zielpublikums, des Stils bzw. der Ästhetik und der Textsorte.

7 Statistische Angaben zur syntaktischen Verwendung von Genderformen (etwas linguistischer)

Setzt man die Grammatikalität der Genderformen voraus, ist es bei der Wahl der Form sinnvoll, sich statistische Angaben zum Realisierungsgrad der Formen in jeder Kasus-Numerus-Kombination anzuschauen. Im Folgenden haben wir die Einträge aus dem Genderwörterbuch von www.genderator.app zugrunde gelegt:

Basis: 493 einfache Lexeme (Simplizia und Derivate, aber keine Komposita)

Diese Zahlen sagen etwas über den grundsätzlichen Realisierungsgrad des Wortbestands aus. Hier wird nur Fahrer und nicht auch Rad-/Auto-/…-fahrer einbezogen.

Realisierungsform Beispiel Realisierungsgrad
Paarform die Zuschauerin bzw. der Zuschauer 100 %
Schrägstrichform der/die Zuschauer/-in 46,4 %
Klammerform der/die Zuschauer(in) 74,8 %
Partizipialform der/die Zuschauende 28,5 %
Kurzformen der/die Zuschauer*in 66,9 %

Tab. 2: Realisierungsgrad ›einfacher‹ Wörter (© Dres. Siever GbR/correctura, Stand: 29.09.2020)

Basis: alle 4534 Lexeme

Diese Zahlen sagen etwas über den Realisierungsgrad gebräuchlicher Wörter aus. Hier wird nicht nur Fahrer, sondern auch Rad-/Auto-/…-fahrer einbezogen. Hierbei handelt es sich also um die realitätsnähere Auswertung.

Realisierungsform Beispiel Realisierungsgrad
Paarform die Zwölftklässlerin bzw. der -klässler 100 %
Schrägstrichform der/die Zwölftklässler/-in 46,4 %
Klammerform der/die Zwölftklässler(in) 74,5 %
Partizipialform (keine Form wie der/die Studierende möglich) 46,6 %
Kurzformen der/die Zwölftklässler*in 64,9 %

Tab. 3: Realisierungsgrad aller Einträge (© Dres. Siever GbR/correctura, Stand: 29.09.2020)

Zur angewendeten Methodik: Die Datenerhebung erfolgte grundsätzlich nicht mit dem Ziel ein repräsentatives Korpus zu erstellen. Dennoch wurden die Lexeme nicht beliebig gewählt. Die Erhebung der ersten Liste erfolgte vor allem nach Häufigkeit und dem Duden mittels Suche nach -in-Formen, ergänzt um wenige Lexeme der zweiten Liste (Zwölftklässler) sowie regionale Varianten (österr. Lenker für ›Fahrer‹), die als einfache Wörter ungebräuchlich sind (Klässler). Die Determinanten der Komposita der zweiten Liste wurden der Häufigkeit nach ausgewählt (mittels wortschatz.uni-leipzig.de; z. B. via Suchstring »*fahrer«. Einfach meint hier: keine Komposita bzw. nur solche, deren Determinatum (üblicherweise) nicht isoliert verwendet wird (*Achter von Gutachter), nur Derivate (Aachener) und Simplizia (Arzt). Ergänzt wurden -er-Bildungen zur Basis geografischer Namen (Niedersachse), hauptsächlich größerer dt. Städte (Braunschweiger) sowie vieler in der Schweiz (Aarauer) und große Städte Österreichs.

Der Realisierungsgrad basiert auf der grammatisch korrekten Verwendung in einer Phrase (unabhängig von einer inklusiven Definition von * oder _). Dabei wurden sämtliche Wortformen überprüft, also:

  • der/die Fleischer_in (Nominativ Singular),
  • *des/der Fleischers*in bzw. *Fleischer*in (Genitiv Singular) etc. sowie
  • die Fleischer*innen (Nominativ Plural)
  • *den Fleischern_innen bzw. *Fleischer_innen (Dativ Plural) etc.

Genitiv Singular und Dativ Plural sind hier herausgegriffen, da es sich um die ›Problemformen‹ handelt (markierte Flexive). Einige Sternchen-Formen ließen sich grundsätzlich durch Doppel-Asterisk (den Fleischern*inne*n) – wenngleich unhandlich – grammatisch korrekt gestalten, andere nicht (*des/der Fleischer*in*s).

Die Klammerformen weisen einen höheren Realisierungsgrad auf, da das maskuline Flexiv nach dem umklammerten femininen Teil angehängt werden kann:

  • den Fleischer(inne)n (Dativ Plural)

Aus diesem Grund weisen diese nach den zu 100 % realisierbaren Paarformen den höchsten möglichen Realisierungsgrad auf.

8 Fazit

Die größte Aufgabe liegt in der Klärung der Fragen, ob es so etwas wie das generische Maskulinum gibt (dies scheint jedoch bereits entschieden) und wer im anderen Fall sprachlich explizit genannt werden soll. Danach geht es nur noch um die Frage der Art und Weise des Genderns. Wie immer das Ergebnis ausfallen wird: Wenn die Einigung besteht, drei Geschlechterkategorien zu benennen und die Entscheidung pro *-Schreibung oder anderer Schreibung ausfällt, sollte sie auch konsequent angewendet werden. Wenn zwei Geschlechter genannt werden ›sollen‹, darf es hiervon auch keine Ausnahme geben, denn dies ließe sich nicht begründen, zumal man dann die generische von einer Geschlechterschreibung innerhalb eines Textes nicht unterscheiden könnte. Tatsächlich aber trifft man auf reale Aussagen wie professionelle Schreiber sei ein Fachausdruck, der beide Geschlechter meine, Leser jedoch nicht (sie werden deshalb mit Leserinnen und Leser gegendert). Solche angeblichen Unterscheidungen sollten jedoch nicht getroffen werden, sie widersprechen auch deutlich der Forderung nach Rechtssicherheit. Wenn es ein generisches Maskulinum gibt, schließt es alle denkbaren Geschlechter ein, existiert es nicht, dann auch nicht temporär oder kontextuell.

Dem Rat für deutsche Rechtschreibung kommt hier eine gewisse Verantwortung zu; unmittelbar zuständig für eine Regelung ist er allerdings nicht. Das macht es schwierig und lässt eine Handlungsempfehlung vermissen. Zwar kann nicht von einem Chaos gesprochen werden, doch die Hinwendung zum Binnen-I und die spätere Abwendung und neuere Hinwendung zum Sternchen oder Gap ist zumindest verwirrend – man denke etwa an den Grundschul- und Fremdsprachenunterricht im Fach Deutsch sowie an die Barrierefreiheit und die Leichte Sprache. Solange sich also kein Konsens in der geschlechtergerechten Schreibung herausbildet, sollten alle versuchen, Formen zu wählen, die dem Stil des Textes sowie dem Zielpublikum am besten entsprechen – und die keine neuen Probleme schaffen.

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